Archiv der Kategorie: Sekundarstufe II

Umgang mit Sklaven

Den Wert des Pferdes nach seinem Zaumzeug bemessen?

Seneca: Epistula 47, 16–17

Text 

Am Schluss seines Briefes (Epistula 47) geht Seneca unter anderem auf die Frage ein, was eigentlich ein „Sklave“ ist.

Quemadmodum (1) stultus est, qui equum empturus (2) non ipsum inspicit, sed stratum eius ac frenos, sic stultissimus est, qui hominem aut ex veste aut ex condicione, quae vestis modo (3) nobis circumdata est, aestimat. „Servus est.“ Sed fortasse liber animo. „Servus est.“ Hoc illi nocebit? Ostende, quis non sit: Alius libidini servit, alius avaritiae, alius ambitioni, omnes spei, omnes timori. Dabo (4) consularem (5) aniculae (6) servientem, dabo ancillulae (7) divitem. […] Nulla servitus turpior est quam voluntaria. Quare non est, quod (8) fastidiosi isti te deterreant (9), quominus servis tuis hilarem te praestes (10) et non superbe superiorem (11): Colant potius te, quam timeant.
 
1) quemadmodum: wie ; 2) empturus: wenn er im Begriff ist, […] zu kaufen; 3)  modō mit Gen.: in der Art von, wie; 4) dare: hier: als Beispiel anführen; 5) cōnsulāris: ehemaliger Konsul; 6) anicula: unbedeutende alte Frau; 7) ancillula: junge Sklavin; 8) nōn est quod mit Konj.: es besteht kein Grund, dass; 9) dēterrēre quōminus: davon abschrecken, dass; 10) sē praestāre mit Akk.: sich erweisen als; 11) superior: überlegen, von oben herab.

 

Übersetzung 

Wie jemand ein Dummkopf ist, welcher, wenn er vorhat, ein Pferd zu kaufen, es nicht selbst begutachtet, sondern seine Decke und seine Zügel, so ist ein sehr großer Dummkopf, welcher einen Menschen entweder nach seiner Kleidung oder seinem Stand beurteilt, der uns doch nach der Art eines Kleidungsstückes umgelegt ist. „Sklave ist er.“ Aber vielleicht frei in seinem Herzen. „Sklave ist er.“ Das wird ihm schaden? Zeig [mir], wer es nicht ist: Einer ist Sklave seiner Sinnlichkeit, ein anderer seiner Habsucht, ein anderer seines Ehrgeizes, alle der Hoffnung, alle der Furcht. Als Beispiel werde ich [dir] einen ehemaligen Konsuln anführen, der einem alten Mütterchen Sklavendienst leistet, ich werde [dir] einen reichen Herrn anführen, der das gegenüber einer jungen Sklavin tut. […] Kein Sklavendienst ist schimpflicher als der aus eigenem Antrieb. Daher besteht kein Grund, dass diese Hochmütigen da dich davon abschrecken, dass du dich deinen Sklaven gegenüber freundlich zeigst und nicht überheblich von oben herab: Verehren sollen sie dich lieber, als dass sie dich fürchten.

 

Zusammenfassung 

Der 47. Brief Senecas behandelt die Frage, ob Lucilius mit seinen Sklaven richtig umgehe. Der vorliegende Text, der diesem Brief entnommen ist, gliedert sich in vier Teile.

  1. (Z. 1–3): Zunächst wird der These, Sklaverei sei etwas Äußerliches, der Vergleich vorausgeschickt, dass jemand vor dem Kauf eines Pferdes nicht das Tier selbst einer Prüfung unterzieht, sondern dessen Decke oder Zügel. Seneca betrachtet dieses Verhalten als einfältig und schließt daran an, dass es deshalb umso einfältiger sei, den Wert eines Menschen an seiner Kleidung oder seinem sozialen Stand zu bemessen. Der soziale Stand sei uns wie ein Kleidungsstück umgeworfen.
  2. (Z. 3–4): Der fictus interlocutor meldet sich zweimal zu Wort: Ein Sklave bleibe ein Sklave. Seneca weist darauf hin, dass ein Sklave zumindest innere Freiheit besitzen könne.
  3. (Z. 4–6): Im Anschluss daran führt Seneca dem Leser verschiedene Formen der Sklaverei beispielhaft vor Augen: Der eine könne seine Begierden nicht zügeln, der andere dagegen fröne seinem Ehrgeiz. Alle würden schließlich beherrscht von ihren Hoffnungen und Befürchtungen.
  4. (Z. 6–8): Und deshalb, folgert Seneca, solle Lucilius von seiner gelassenen Einstellung seinen Sklaven gegenüber nicht absehen. Ehrerbietung vor dem Herrn sei wichtiger als Furcht vor ihm. Darauf, schließt der vorliegende Text, komme es an.

 
Analyse
 
Seneca teilt zunächst den allgemeinen Standpunkt, dass der Sklave mit dem Tier gleichzustellen ist, in gewisser Hinsicht auf einer Linie mit der Frau und dem Kind steht, insofern sie der patria potestas, der „väterlichen Rechtsgewalt“ unterworfen sind. Das Wort „condicio“ (Z. 2) drückt dieses Verhältnis aus: Es geht um die soziale Stellung, die ein Mensch in der Gesellschaft einnimmt. Es ist aber von Bedeutung, darauf hinzuweisen, dass Seneca dabei an die Stellung in der äußeren Welt denkt und dies durch den Vergleich mit der Kleidung auch deutlich macht: „condicio[..], quae vestis modo nobis circumdata est“ (Z. 2–3). Das lateinische Wort „condicio“ bedeutet: „position, state, circumstances (of personal fortune); legal position or status“, OLD (2012) 432.

Seneca sieht Sklaverei als etwas Äußerliches an. Wer Sklave wird, wird es durch Zufall (fortuna) oder Bestimmung (fatum). Daneben findet sich aber die innere Abhängigkeit – Seneca nennt sie in dem vorliegenden Text ausdrücklich: die „servitus voluntaria“ (vgl. Z. 6). Infolgedessen, was die weitere Auslegung des Begriffs betrifft, erscheinen alle Menschen als Sklaven: Niemand ist so frei im Geiste, dass er sich von seinen Ängsten und Hoffnungen befreien könnte. „Ostende, quis non sit: Alius libidini servit, alius avaritiae, alius ambitioni, omnes spei, omnes timori“ (Z. 4–5). Der Philosoph hat also ein derart großes Gefühl für die psychische Welt, dass er auch von einem ehemaligen Konsuln als Sklaven spricht – und ihn dafür verurteilt: „Dabo consularem aniculae servientem […] Nulla servitus turpior est quam voluntaria“ (Z. 5–6). Wir wissen, dass die Ethik und Psychologie der Stoa ihr Augenmerk auf die „innere Sklaverei“ richtet, die durch freiwillige Zustimmung nur verschlimmert werden kann.

Dieser Form der Sklaverei lässt sich nur mit Einsicht und Gelassenheit, nicht mit Hochmut begegnen. Seneca nimmt an, dass Lucilius seine innere Abhängigkeit bereits erkannt hat und darum gelassen und weise gegenüber seinen Sklaven auftritt.
 

Eine utopische Gesellschaft

Die Gruppe um Spartacus:
Eine utopische Gesellschaft von Freien?

Es ist bemerkenswert, aus welchen sozialen Schichten die Spartacusanhänger kommen. Sklaven und ehemals Freie waren durcheinandergemischt. Ohne Rücksicht auf den Rang, den sie in der Gesellschaft eingenommen hatten, sammelten sie sich um Spartacus. Die Gladiatoren waren mit Teilen ihrer Rüstung versehen. Alle waren mit Knüppeln bewaffnet, die sie unten zugespitzt hatten. Anfangs zählte die Gruppe 74 Männer, offenbar allesamt dazu bereit, alles auf Spiel zu setzen. Ihr Zusammenhalt war erstaunlich. Später hatten die Männer richtige Waffen, als sie plötzlich, wie von einem einzigen Willen belebt, Clodius Glabers Legion in ihrem Nachtlager überfielen.

Arbeitsanregungen:
 

  • Aus welchen Gruppen setzt sich die Spartacusbewegung zusammen?
  • Erläutern Sie die Motive, die die Bewegung verfolgt!
  • Sehen Sie sich Stanley Kubrick’s Film „Spartacus“ an und überprüfen Sie, ob er utopische Aussagen enthält.

 

Ein zweiter Romulus

Lucius Iunius Brutus. Büste von Ludovico Lombardo. 1550

Livius. Klausur

Die Versammlung der Tarquinier provoziert die Vergewaltigung der Lucretia. Der Erzähler teilt in ungewöhnlicher Sprache von dem Verbrechen mit. Diese Sprache ist von einer klaren Strategie bestimmt. Deren letztes Ziel ist der von Brutus gesprochene Eid. Das Vertrauen in das etruskische Königshaus ist geschwunden.

Liv. 1.59.3–5

Elatum (1) domo Lucretiae corpus in forum deferunt, concientque (2) miraculo (3), ut fit, rei novae atque indignitate (4) homines. Pro se quisque scelus regium ac vim queruntur. Movet cum patris maestitia, tum Brutus castigator (5) lacrimarum atque inertium (6) querellarum auctorque quod viros, quod Romanos deceret, arma capiendi (7) adversus [viros] hostilia ausos. Ferocissimus quisque iuvenum cum armis voluntarius adest; sequitur et cetera iuventus. Inde patre praeside relicto Collatiae ad portas custodibusque datis ne quis eum motum regibus nuntiaret, ceteri armati duce Bruto Romam profecti.

1 ēlātus PPP → effero; 2 concieō, concīvī, concitum → zusammenbringen, herbeiziehen, -rufen, versammeln; 3 miraculum → das Wunderbare, Auffallende [rei novae]; 4 indīgnitās <ātis> f → das Unwürdige, Empörende, Schmach; 5 castīgātor <ōris> m → Zuchtmeister, Sittenrichter; 6 iners → unnütz, bedeutungslos; 7 auctorque quod viros, quod Romanos deceret, arma capiendi → und der dazu auffordert, dass man, wie es die Pflicht echter Männer, wie es die Pflicht echter Römer sei, zu den Waffen greife.

Aufgaben:

1. Übersetzen Sie den Text.
2. Fassen Sie den Text knapp und in gegliederter Form zusammen!
3. Stellen Sie exemplarisch heraus, wie die „echten Römer“ (viri vere Romani) im vorliegenden Text charakterisiert werden. Zeigen Sie dabei, ob und wie rhetorische Mittel zum Zwecke der Leserlenkung eingesetzt werden.
4. Beurteilen Sie, inwiefern diese Passage als Teil einer „zweiten Gründungssage“ aufgefasst werden kann. Beziehen Sie dabei die Vorgeschichte und den (möglichen) Ausgang der Lucretia-Anekdote ein.

Erwartungshorizont

1. Aufgabe
Sie übersetzen den Text, z. B.:

Sie tragen den Leichnam Lucretias aus dem Haus heraus und bringen ihn auf den Marktplatz, und rufen, wie es zu gehen pflegt, durch das Seltsame und Empörende der Neuigkeit die Leute zusammen. Jeder klagt entsprechend seiner Gesinnung über Verbrechen und Gewalt von Seiten des Königs. Eindruck macht einmal die Trauer des Vaters, dann Brutus, der als Sittenrichter auftritt, bezüglich der Tränen und der unnützen Scheltworte, und der dazu auffordert, dass man, wie es die Pflicht echter Männer, wie es die Pflicht echter Römer sei, zu den Waffen greife gegen Männer, die Feindschaftliches gewagt hätten. Die unerschrockensten der jungen Männer stellen sich mit Waffen freiwillig ein; die übrigen jungen Leute folgen. Der Vater wurde als Beschützer des Anwesens auf dem Collatium zurückgelassen, den Toren wurden Wachen eingeteilt, damit nicht sonstwer diesen Aufruhr den Königen meldete, die Übrigen zogen bewaffnet unter der Leitung des Brutus nach Rom.

2. Aufgabe
Sie fassen den Text knapp und in gegliederter Form zusammen, z. B.:

Das Geschehen lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Brutus ruft anlässlich der Bestattung Lucretias zu den Waffen und wird zum Anführer der Erhebung gegen die Tarquinier. Die zugrunde liegende Situation ist damit zweigeteilt: Es gibt zum einen die Bestattung (Z. 1–4), und zum anderen den Marsch nach Rom (Z. 4–7).

Das Geschehen lässt sich detaillierter nach folgenden Gesichtspunkten gliedern:
1. Der Anblick der Toten. Lucretias Leichnam wird aus dem Haus getragen und unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit auf den Marktplatz gebracht (Z. 1–2).
2. Das Publikum. Die Reaktionen der Öffentlichkeit sind unterschiedlicher Art:
a) Mit Bezug auf die Schuld der Königsfamilie: Klagen über die Schandtaten der Tarquinier werden laut (Z. 2).
b) Mit Bezug auf den Vater: Insbesondere die Trauer des Vaters erfüllt die Menge mit Rührung (Z. 2–3).
3. Der Aufruf des Brutus. Brutus nutzt die Gelegenheit und ruft zum bewaffneten Widerstand gegen die Herrscherfamilie auf (Z. 3–4).
4. Der Aufstand. Der Aufruf verfehlt seine Wirkung nicht. Als Erstes sind die wildesten unter den jungen Leuten zur Stelle. Man zieht bewaffnet nach Rom (Z. 4–7).

3. Aufgabe
Sie stellen exemplarisch heraus, wie die „echten Römer“ im vorliegenden Text charakterisiert werden, z. B.:

Kein Zweifel besteht darüber, wer in der geschilderten Situation herausragt: Es ist Brutus, der sich in Livius‘ Darstellung vom Außenseiter der Königsfamilie zum Anführer des Aufstands gegen sie wandelt. Wir nehmen an, dass er zunächst aus dramaturgischen Gründen eine Randfigur spielen soll. Er begleitet die Königssöhne Titus und Arruns zum Orakel nach Delphi (Liv. 1.56.7–13), schwer und tollpatschig macht er seinem Beinamen „Der Dumme“ (Brutus) alle Ehre. Es bleibt in der Schwebe, ob Brutus in Delphi bereits über den Niedergang des Königshauses reflektiert und seine eigene Zukunft vorbereitet oder instinktiv das Orakel zu seinen Gunsten auslegt. Nun macht er jedoch einen starken Eindruck. Aus dem Tollpatsch ist ein Mann der Tat geworden. Sein Charakter hat seine Bestimmung gefunden, er ist von einem „neuen Geist“ („novum in Bruti pectore ingenium“, Liv. 1.59.2) beseelt. In diesem Sinne ist die Frage zu beantworten, warum der Aufruf zum Aufstand nicht in direkter Figurenrede, sondern nur indirekt wiedergegeben wird. Der von Livius gezeichnete Brutus ist voll von Tatendrang, dass die Einschaltung einer Figurenrede den Gang der Handlung unnötig aufhielte. Der Zusammenhang zwischen Schwur („iuro […] me L. Tarquinium Superbum […] ferro igni […] exsecuturum“, Liv. 1.59.1) und Tat muss erhalten bleiben.

Der Text weist die typischen Merkmale des livianischen Geschichtswerkes auf: Dramatik der Handlung, Fokalisierung und Multiperspektivität der Erzählung. Mit anderen Worten: Der Fokus liegt auf der Darstellung der traurigen Lage, in der sich die Collatiner nach dem Tod Lucretias befinden. Brutus versucht die Lage zu retten, die Übrigen reagieren mit Klagen und Tränen.

Folgende rhetorische Mittel unterstützen die Dramatik der Darstellung (Beispiele):

a) Als Erstes sei gefragt: Woher nimmt die Stelle ihre Dramatik? Aus dem Anblick der Toten. Dabei muss einbezogen werden, dass das vorangestellte „Elatum“ (Inversion) Terminus technicus für die Aufbahrung der Toten ist.
b) Der auf einen Wagen gehobenen Bahre folgen zunächst gewöhnlich die Leidtragenden, dann Klageweiber, Tänzer, Musikanten. Es ist normal, dass dadurch Zuschauer angelockt werden (Erzählereinschub: „ut fit“, Z. 1).
c) In der Allgemeinheit der Trauer stellt es ein Problem dar, dass „jeder für sich“ (Tonstelle in „Pro se quisque“, Z. 2) trauert.
d) Und der Vater? Ihn quält sichtlich der Schmerz über den Verlust der Tochter (Tonstelle in „Movet“, Z. 2; Alliteration in „Movet […] maestitia“, Z. 2–3).
e) Nur Brutus gehört in einen anderen Bereich, indem er über die „unnütze“ Rührung hinausweist (Metonymie in „castigator lacrimarum atque inertium querellarum“, Z. 3). Das wird mithilfe des Gesetzes der wachsenden Glieder (Klimax) auch an der Syntax deutlich (vgl. Z. 3–4).
f) Brutus (vieldeutige Periphrase in „auctor“, Z. 3) löst sich von der Trauergemeinde, indem er sich zu den echten römischen Tugenden bekennt (Anapher und correctio in „quod viros, quod Romanos deceret“, Z. 3–4).
g) Was ein Exemplum bewirkt, wird im Folgenden deutlich (vgl. Z. 4–7). Die Tatkraft des Brutus wird dadurch zum Muster römischer Tatkraft überhaupt. Sie wird zum Antrieb für die Jugend und lenkt deren ungestüme Entschlossenheit (Tonstelle in „Ferocissimus“, Z. 4) durch ihre Vorbildhaftigkeit in die „richtigen“ Bahnen.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass die „echten“ Römer freiwillig („voluntarius“, Z. 5) und gemeinschaftlich („sequitur et cetera iuventus“, Z. 5) ihrem Vorbild folgen. Brutus wird damit zum zweiten Romulus.

4. Aufgabe
Sie beurteilen, inwiefern diese Passage als Teil einer „zweiten Gründungssage“ aufgefasst werden kann, z. B.:

Der Vergleich zwischen Brutus und Romulus ist bereits genannt worden. Dieser müsste mithilfe verschiedener Gesichtspunkte ausführlicher dargelegt werden und sich auf die Darstellung der Charaktere beziehen: Nicht nur Romulus, auch Brutus kämpft für die Einhaltung römischer Werte (libertas, pietas, concordia, virtus).

Als weitere Gründe könnten gelten:

  • Die Matronen Roms bezeichnen Lucius Iunius Brutus als ihren Vater, weil er Lucretias Keuschheit verteidigt hat, und betrauern ihn, heißt es bei Livius, als er im Zweikampf gegen Arruns fällt, ein ganzes Jahr lang („matronae annum ut parentem eum luxerunt, quod tam acer ultor violatae pudicitiae fuisset“, Liv. 2.7.4).
  • Mit Brutus ist die Herrschaft der Tarquinier an ihr Ende gekommen und der Übergang zur Konsularverfassung geschaffen worden. In dieser Zeit erneuert sich Rom.
  • Als weiteres, technisches Argument könnte angeführt werden: Die Brutussage erlaubt es Livius, den Stoff seines Geschichtswerks sinnvoll zu gliedern.

Diese Überlegungen führen bereits zu dem Schluss, dass Livius die Brutussage als zweite Gründungssage inszeniert hat.

Eine Matrone als Vorbild?



Die Lucretia-Anekdote als zweite Gründungssage 

(Liv. 1.57.6 – 59.2)

Historiographisch gesehen ist der Anspruch, in Lucretia eine vorbildhafte Matrone zu besitzen, von ganz besonderem Interesse. Es ist nämlich denkbar, dass Livius die auf objektivierende Darstellung zielenden leges historicae ablehnt und deshalb eine Anekdote einfügt. Das ist der Sinn der livianischen Historiographie, die vom annalistischen Schema ausgeht, die Erzählzeit im Verhältnis zur erzählten Zeit jedoch freier handhabt.

Die ungewöhnliche Sprache, das Kennzeichen dieser Anekdote, ist von einer klaren Strategie bestimmt. Deren letztes Ziel ist der von Brutus gesprochene Eid. Das Vertrauen in das etruskische Königshaus ist geschwunden. Der Wechsel zur Konsularverfassung bahnt sich an. Dieser entscheidende „Fortschritt“ in der Geschichte Roms muss vom Geschichtsschreiber durch entsprechend konstruierte Reden motiviert und legitimiert werden. Dies geschieht anhand von Brutus und im Voraus anhand von Lucretia.

Ein Brudermord

Livius. Klausur

Der Beginn römischer Zeitrechnung war ein Streit unter Brüdern. Remus hatte begonnen, den Himmel zu beobachten, und nicht weit entfernt von ihm, auf dem Palatin, sein Bruder Romulus auch.

Priori Remo augurium venisse fertur,
sex voltures;
iamque nuntiato augurio cum duplex numerus Romulo se ostendisset,
utrumque regem sua multitudo consalutaverat:
tempore illi praecepto,
at hi numero avium regnum trahebant.
Inde [hi et illi] cum altercatione congressi certamine irarum ad caedem vertuntur;
ibi in turba ictus Remus cecidit.
Volgatior fama est ludibrio fratris Remum novos transiluisse muros;
inde [Remum] ab irato Romulo,
cum verbis quoque increpitans adiecisset:
„Sic deinde, quicumque alius transiliet moenia mea!“,
interfectum.
Ita solus potitus imperio Romulus;
condita urbs conditoris nomine appellata.

1 voltur (Archaismus) → vultur, uris m.; 2 cum (Inversion) → als; 3 sua multitudo → ihre Anhängerschaft; 4 consalutare → gleichzeitig od. laut begrüßen (alqm; m. dopp. Akk.) [ alqm dictatorem → jmd. als Diktator; 5 tempore […] praecepto → wegen des Zeitvorsprungs; 6 altercatio, onis f. → Wortwechsel; 7 congressi → congredior; 8 certamine irarum (Metonymie) → in der Hitze des Gefechts; 9 ictus (P. P. P. v. ico) → schwer getroffen; 10 volgatior (Archaismus) → vulgatior v. vulgatus; 11 cum verbis quoque increpitans adiecisset → als der seinen höhnischen Worten sogar noch hinzugefügt hatte; 12 potitus → potior, potiri, potitus sum.

Aufgaben:

  • Übersetzen Sie den Text.
  • Fassen Sie den Text knapp und in gegliederter Form zusammen!
  • Stellen Sie exemplarisch heraus, wie die (ersten) „Römer“ im vorliegenden Text charakterisiert werden. Zeigen Sie dabei, ob und wie rhetorische Mittel zum Zwecke der Leserlenkung eingesetzt werden.
  • Beurteilen Sie, inwieweit diese Passage zu den Absichten passt, die Livius mit seinem Geschichtswerk insgesamt verfolgt. Beziehen Sie sich dabei auf das Proöm zum ersten Buch.

 Erwartungshorizont

1. Aufgabe

Sie übersetzen den Text, z. B.:

Als Erstes, wird überliefert, sei für Remus ein Vogelzeichen gekommen; sechs Geier nämlich; das Vogelzeichen war bereits gemeldet, als sich die doppelte Anzahl Romulus gezeigt hatte – daraufhin hatte die eigene Anhängerschaft jeden von beiden laut als König begrüßt: Wegen des Zeitvorsprungs leiteten jene, diese dagegen wegen der Zahl der Vögel die Königsherrschaft ab. Hierauf stoßen diese und jene mit einem Wortwechsel zusammen und wenden sich dann in der Hitze des Gefechts zum Mord. Dabei kam Remus um, im Gedränge schwer getroffen. Verbreiteter ist die Kunde, dass Remus zum Spott des Bruders die neuen Mauern übersprungen habe. Remus sei daher vom erzürnten Romulus getötet worden, wobei der seinen Schimpfworten sogar noch hinzugefügt habe: „So gehe es von nun an auch jedem anderen, der meine Stadtmauer überspringt!“ So bemächtigte sich Romulus allein der Herrschaft. Die neu gegründete Stadt wurde nach dem Namen ihres Gründers benannt.

2. Aufgabe

Sie fassen den Text knapp und in gegliederter Form zusammen, z. B.:

Die vorliegende Passage behandelt den Ausgang des Streits zwischen Romulus und Remus über die Frage, wer der zu gründenden Stadt den Namen geben und wer in ihr herrschen solle. Der Text gliedert sich in vier Abschnitte.

1. (Z. 1–6): Die Zwillinge haben vereinbart, die Vögel zu befragen. Remus zeigen sich sechs Vögel, Romulus zu einem etwas späteren Zeitpunkt die doppelte Anzahl an Vögeln. Beide Brüder werden darauf von ihren Anhängern zum König ausgerufen. Die Kontroverse zeichnet sich ab, wie die Vorzeichen aufzufassen seien.

2. (Z. 7–8): Der offene Streit zwischen den Brüdern und ihren Leuten lässt sich nicht mehr abwenden. Es kommt zum Blutbad. Remus wird getötet.

3. (Z. 9–13): In einer bekannteren Überlieferung habe Romulus seinen Bruder erst dann getötet, als der seine Stadtmauer übersprungen habe.

4. (Z. 14–15): So ist der Streit entschieden: Romulus übernimmt die Alleinherrschaft in der Stadt und gibt ihr seinen Namen.

3. Aufgabe

Sie stellen exemplarisch heraus, wie die (ersten) „Römer“ im vorliegenden Text charakterisiert werden, z. B.:

Der Mord an Verwandten, Vater, Mutter, Schwester oder Bruder gilt als ein nicht wieder gut zu machendes Verbrechen. Vermutlich sieht auch Livius es als Ärgernis an, dass ein Blutbad unter Brüdern den Anfang römischer Geschichte bildet. Die Bürgerkriege seiner eigenen Zeit müssen ihm vor Augen getreten sein. Die Frage nach der Schuld des Romulus wirft darum die Frage auf, ob und wie Livius den Brudermord dargestellt hat, ob er ihn womöglich verschwiegen oder ob er Partei für einen der Brüder ergriffen hat.

Es muss festgehalten werden, dass der Geschichtsschreiber die Ereignisse nicht nur nicht ignoriert, sondern, wie gewohnt, anschaulich und aus römischer Perspektive polyphon (vielstimmig) geschildert hat. Insbesondere die dargestellte Rede, direkt (vgl. Z. 12–13) oder indirekt (vgl. Z. 11), trägt dazu bei, beide Seiten des Konflikts wahrzunehmen. Folgende rhetorische Mittel seien beispielhaft genannt.

a) Verstärkendes „consalutaverat“ (Z. 4): 

Der Leser „hört“ gewissermaßen, wie die Anhänger beider Seiten zu ihren Favoriten treten und in Hochrufe auf den neuen König einfallen, weil das verstärkende „consalutaverat“ statt des einfachen „salutaverat“ verwendet wird.

b) Alliterationen (vgl. Z. 7): 

Die „ersten“ Römer fahren fort sich zu streiten. Die Alliteration harter Verschlusslaute (c/t) bewirkt, dass die Heftigkeit der Auseinandersetzung nachempfunden werden kann.

c) Inversion (Z. 8: „in turba ictus Remus cecidit“): 

Der Kampf steigert sich. Man schreckt nicht mehr vor Gewalt zurück. Die Inversion ist bedeutsam, weil sie die Tötung des Bruders „plausibler“ erscheinen lässt: Nicht nur Romulus trägt daran die Schuld, sondern das im Gewühl („turba“) aufeinanderstoßende Gemenge der Römer.

d) Archaismen (Z. 2: „voltures“; Z. 9: „volgatior“):

Livius setzt sie bewusst ein, einerseits, um die Darstellung älter und würdevoller erscheinen zu lassen. Andererseits wird dem Leser auf diese Weise geholfen, sich zeitlich innerhalb der auf 700 Jahre angelegten Chronologie zurechtzufinden, indem er durch den altertümlichen Stil (vetustas dicendi) gleich an die Ursprünge erinnert wird.

e) Ellipse (Z. 12: „Sic deinde“):

Das vorangestellte „Sic“ wird scharf ausgesprochen und akzentuiert die Härte und den Durchsetzungswillen des Stadtgründers. Die Ellipse macht deutlich, dass Vorsicht geboten ist: Das schändliche Verbrechen könnte wiederholt werden.

f) Sentenz (vgl. Z. 15)

Dass Romulus schließlich den größeren Einfluss auf die römische Geschichte behielt, wird durch die sentenzenhafte Kürze des Schlusssatzes vor Augen geführt. Sie ist zugleich als Anspielung auf den Stil der Annalisten zu verstehen.

g) Figura etymologica (Z. 15: „condita urbs conditoris nomine“)

Die damit verbundene Figura etymologica macht „beweiskräftig“, dass die Stadt und ihr Gründer auch in etymologischer Hinsicht zusammengehören.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass die „ersten“ Römer zur Gewalt neigen, zum Bruderkampf. Rasch ist die Leidenschaft entflammt – was die Metonymie „certamine irarum“ (Z. 7) nachdrücklich belegt –, wenn es an Einheit (concordia) fehlt. Romulus wird im Übrigen nicht reingewaschen. Sein Anteil am Verbrechen wird offengelegt.

4. Aufgabe

Sie beurteilen, inwieweit diese Passage zu den Absichten passt, die Livius mit seinem Geschichtswerk insgesamt verfolgt, z. B.:

Die Polyphonie der Darstellung ist bereits im Vorwort des livianischen Geschichtswerkes Programm. Livius weiß, dass dieses Werk seinen Platz nur behaupten wird, wenn er mustergültige wie abschreckende Beispiele gleichermaßen ins Bewusstsein rückt. Überwiegt das abschreckende Beispiel, wie in der vorliegenden Passage, legt der Autor sich dennoch Zurückhaltung auf. Er präsentiert lediglich eine zweite Variante der Erzählung (Z. 9: „volgatior fama est ludibrio fratris Remum novos transiluisse muros“), um den Brudermord in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.

Bescheidenheit


 
Ab urbe condita. Vorrede

Praefatio („Vorrede“) bedeutet, dass die eigenen Ansprüche an das Werk in aller Bescheidenheit formuliert werden. Der Schriftsteller breitet diese Ansprüche aus, vergleicht sich mit anderen, die Ähnliches versucht haben: Der römische Historiker Livius (59 v. Chr. – 17 n. Chr.) sieht sich in diesem Fall besonderen Anforderungen gegenübergestellt. In der Vorrede seiner 142 Bücher umfassenden Geschichte der Stadt Rom erinnert er daran, wie viele Schriftsteller (novi semper scriptores) neues Material bereitgestellt hätten. Er macht deutlich, dass viele vor ihm sich außerdem vorgenommen hätten, ihre Vorgänger stilistisch zu übertreffen (scribendi arte rudem vetustatem superaturos credunt). Den Historiker Livius erwartet also eine relativ komplexe Aufgabe, zumal sein Stoff mehr als 700 Jahre umfasst. Es ist nach dem Gesagten auffällig, dass Livius, anstatt sich zu brüsten, in aller Bescheidenheit ansetzt, von seinem Werk zu sprechen. Die Praefatio des livianischen Geschichtswerkes soll deutlich machen, dass Bescheidenheit und Zurückhaltung zu den Tugenden zählen, die der Autor für seine Zeitgenossen herbeiwünscht.

Liv. 1.1

Facturusne operae pretium sim, si a primordio urbis res populi Romani perscripserim, nec satis scio nec, si sciam, dicere ausim, quippe qui cum veterem tum volgatam esse rem videam, dum novi semper scriptores aut in rebus certius aliquid allaturos se aut scribendi arte rudem vetustatem superaturos credunt.

Fortsetzung und Übersetzung (Landesbildungsserver Baden-Württemberg)

Arbeitsanregungen:

  • Gliedern Sie die Vorrede in Sinnabschnitte und suchen Sie für jeden Abschnitt eine passende Überschrift.
  • Arbeiten Sie aus Livius‘ Darstellung die Aufgaben der Geschichtsschreibung heraus. Stellen Sie dafür auch die Aussagen über den Wert der Geschichtsschreibung für die Gegenwart zusammen.

 

Ein schlechtes Vorzeichen

C. Caecilius Metellus hatte es nicht schwer gehabt, die Verspätung, mit der er in der Halle eingetroffen war, zu erklären. Längst hatte er die Ereignisse vergessen, die ihn eine Stunde des Vormittags gekostet hatten. Er war nämlich glücklich, Arm in Arm mit der Großmutter, in die Sonne zu gehen. Erst am Nachmittag fragte ihn ein Besucher nach den Vorkommnissen im Garten. „Ecce!“, sagte er mit ausweichendem Blick, „ciconia ranas necavit. Ein Storch hat sämtliche Frösche in unserem Zierteich getötet.“ Und der Besucher hatte nicht gelächelt, weil er wusste, dass dies ein schlechtes Omen war. Tatsächlich war der Aberglaube tief darinnen im Römer wie der Herzschlag. Ich schätze, es gehörte zu den Mühen seines Daseins, die Vögel im Blick zu behalten, auf den metallischen Glanz eines Hahnenschreies zu achten. Für C. Caecilius Metellus hatte der Tag also mit einigem Nachdenken begonnen. Und die vormittägliche Verzögerung bei den Klienten war rechtens und entschuldbar, musste er doch durch Befragung des Haruspex sich Klarheit über den Sinn dieses Omens verschaffen.

Ikarus

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KÖNIG MINOS:

Mein ist der Wind
Hinter dem Mittag
In dem die Möwen kreisen
Mein ist die Welle
In der Ikarus sinkt

Dichterberuf

Einmal schnürt auch Dädalus die Flügel ab
Unter den Fichten dort
Lernt er zu schweigen

Über Elefanten

Frei nach Plinius maior:

Es soll Elefanten geben, die das Schreiben gelernt haben. Herodot berichtet als einer der ersten Gewährsmänner davon, welch gewaltige Anstrengung die grauen Riesen dabei vollbringen, den Zusammenhang zwischen Kopf und Rüssel, der das winzige Schreibwerkzeug hält, zu begreifen. Dabei bringen sie Wörter in der Landessprache zustande. Manchmal zittern sie vor Aufregung. Aber gerade in solchen Augenblicken versagen sie nie. Man sollte meinen, dass sie uns verstehen, ihr Gedächtnis für die Anordnungen ihrer Treiber ist musterhaft.

Bei einem Gladiatorenkampf, den Germanicus ausrichten ließ, sollen einige Elefanten Tanzstellungen eingenommen haben. Auch in Rom gab es große Elefantenvorführungen. Es waren andere Zeiten. Tag und Nacht wurde geübt. Nicht jeder kann das begreifen. Es fanden sich sogar Elefanten, die sich nachts in das vertieften, was sie tagsüber versäumt hatten. Plinius der Ältere berichtet davon: Sie übten nachts, in der offenbaren Absicht, am nächsten Tag bei der Vorführung zu gefallen.