Archiv der Kategorie: Sekundarstufe I

Römisches Haus

Traumempfindung

Von Gerold Paul

Früh zeigt sich dem Kind der römischen Oberschicht bereits, wer welche Aufgaben in der Familie zu übernehmen hat. Wenn der Vater vor die Tür tritt, streckt er seine großen Hände aus den weiten Ärmeln der Toga hervor. Wie eine glänzende Maske aus dem Theater steht er vor dem Kind – und wird beleuchtet und erkannt als Oberhaupt der Familie, als deren Paterfamilias. Das Kind stellt Vergleiche an: Niemand trägt die Toga so wie der Vater, niemand ordnet sie so sorgfältig, auch wenn alle freien Männer in der Familie „Männer der Toga“ sind. Von außen kommt der unaufhörliche Gruß der Klienten, den der Vater je nach Tagesstimmung freudig oder launisch beantwortet; dem Vater kommt offenbar eine wichtige Aufgabe zu. Auch die Unfreien gehören zur Welt des Kindes, so verworren sie auch ist, ohne Kenntnis der Gesetze. In dem griechischen Sklaven erkennen Mädchen wie Jungen ihren Begleiter auf dem Schulweg. Manchmal denkt der Sklave an ein Weiterkommen, findet sich nicht damit ab, Begleiter des Kindes, d. h. Pädagoge zu sein. Für ihn wäre es außerordentlich, Lehrer zu sein oder Sekretär eines gebildeten Herrn.

Die erste Person, an die sich das Kind einer vornehmen Familie erinnert, ist vermutlich die Amme. In den frühesten Nächten spricht sie mit der Seele des Kindes, wenn die finsteren Statuen im Atrium von Dämonen umflattert werden. Es ist fraglich, ob das Kind sich nicht von Einbildungen hat täuschen lassen. Das sind doch Dämonen, da hinten? Ich weiß nur, dass mein Besuch im römischen Haus immer von einer starken Empfindung des Staunens begleitet ist, der dunklen Welt wegen, die ich unter mir fühle.

Die sauren Trauben

Oder: Wahre Helden machen Fehler

 Annalenas Interpretation (9. Klasse)

Text:

Fame coacta vulpes alta in vinea
uvam appetebat summis saliens viribus.
Quam tangere ut non potuit, discedens ait:
„Nondum matura est; nolo acerbam sumere.“
Qui, facere quae non possunt, verbis elevant,
adscribere hoc debebunt exemplum sibi.

(Phaedrus 4.3)

Übersetzung:

Vom Hunger getrieben, versuchte der Fuchs am hohen Weinstock /
nach der Traube zu gelangen, aus Leibeskräften in die Höhe springend. /
Als er diese nicht erreichen konnte, sagte er im Abgang: /
„Sie ist noch nicht reif; eine saure Traube möchte ich nicht verzehren.“ /
Diejenigen, die das, was sie nicht leisten können, mit Ausreden abschwächen, /
werden sich dieses Beispiel hinter die Ohren schreiben müssen.  

Interpretation:

Schon am ersten Vers merkt man gleich, dass es um den Fuchs („vulpes“, V. 1) geht, da der Ausdruck in der Versmitte steht. Der Fuchs ist der Held dieser Fabel. Allerdings wird er sich nicht als wahrer Held erweisen, wie der Leser am Ende erfährt. Die Traube („uvam“, Tonstelle in V. 2) wird besonders hervorgehoben, sodass das Ziel der Handlung deutlich wird: Der Fuchs möchte an die Traube gelangen. Der Verssprung von V. 1 bis V. 2 verdeutlicht die Entfernung zwischen dem Fuchs und der Traube. Im zweiten Vers findet sich außerdem eine Alliteration: „summis saliens“ (Hyperbaton zwischen „summis“ und „viribus“). So wird hervorgehoben, dass der Sprung nach der Traube nicht einfach ist. Die Fabel enthält eine auffällige Wortwiederholung, nämlich „non potuit“ (V. 3) und „non possunt“ (V. 5). Dies macht deutlich, dass der Fuchs etwas nicht kann, dass er sein Ziel für dieses eine Mal nicht erreicht. Im letzten Vers befindet sich ein Hyperbaton, da „adscribere“ und „sibi“ getrennt voneinander und nicht gemeinsam auftreten. „[S]ibi“ wird so zum Schlusspunkt der Fabel. Das Hyperbaton sorgt dafür, dass der Mittelteil, also „hoc debebunt exemplum“ besonders auffällt, damit der Leser sofort weiß, was er auf sich selbst beziehen muss. Ihm wird auf diese Weise mitgeteilt, dass diese Fabel auf sein eigenes Verhalten zu beziehen ist. Mit anderen Worten: Er soll sein eigenes Verhalten am Beispiel des Fuchses überprüfen. Kann er eigenes Versagen eingestehen, oder wird er wie der Fuchs für einen Fehler immer eine Ausrede finden? Ein wahrer Held wäre zu einem solchen Eingeständnis fähig.

Keine Fabel ohne Fehler, kein Fehler ohne Ausrede hieße im Umkehrschluss: keine Ausrede ohne Fabel.