Worte und Taten des Philosophen

Illud autem te, mi Lucili, rogo atque hortor, ut philosophiam in praecordia ima demittas et experimentum profectus tui capias non oratione nec scripto, sed animi firmitate, cupiditatum deminutione: verba rebus proba. […] Facere docet philosophia, non dicere, et hoc exigit, ut ad legem suam quisque vivat, ne orationi vita dissentiat vel ipsa inter se vita. Maximum hoc est et officium sapientiae et indicium, ut verbis opera concordent, ut ipse ubique par sibi idemque sit. „Quis hoc praestabit?“ Pauci, aliqui tamen. Est enim difficile; nec hoc dico sapientem uno semper iturum gradu, sed una via.

Seneca: Ep. 20, 1–2

Übersetzung:

Jenes aber erbitte ich inständig von dir, mein Lucilius, dass du die Philosophie tief in dein Herz eindringen lässt und dass du den Beweis deines Fortschritts nicht anstellst durch Rede oder Schrift, sondern durch die Festigkeit deines Charakters, die Verminderung der Leidenschaften: Bestätige deine Worte durch Taten. Handeln lehrt die Philosophie, nicht das Reden, und dazu drängt sie, dass jeder nach seiner Regel lebt, damit nicht das Leben zur Rede im Widerspruch stehe oder das Leben in sich selbst sich widerspreche. Dieses ist die größte Aufgabe der Weisheit und ein Beweis für sie, dass mit den Worten die Taten übereinstimmen, dass man in jeder Lage mit sich selbst gleich und derselbe sei. „Wer wird das leisten?“ Wenige, manche dennoch. Es ist nämlich schwierig. Und nicht das behaupte ich, dass der Weise immer mit dem gleichen Schritt gehen werde, sondern auf dem gleichen Weg.

Analyse:

Der vorliegende Text ist kennzeichnend für das, was die Stoa, vor allem Seneca, unter Philosophie versteht. Aufgabe des Philosophen sei es, die Widersprüche zwischen Taten und Worten aufzuheben. Der Text, der dem zwanzigsten Brief an Lucilius entnommen ist, lässt sich in fünf Abschnitte gliedern.

  1. Der Brief wird mit einer inständigen Bitte eröffnet: Die Philosophie müsse in das tiefste Innere des Schülers gelangen. Philosophie müsse zur inneren Einstellung werden und werde durch Charakterfestigkeit offenbar, nicht durch Rede und Schrift.
  2. Philosophie, macht der Stoiker im nächsten Abschnitt klar, sei auf praktische Ziele ausgerichtet. Die eigene Regel solle jeder dabei erkennen, und die Taten sollten den Worten nicht widersprechen.
  3. Dem Einwand, dass niemand das Ideal erreichen könne, begegnet Seneca, indem er auf die Ausnahmen hinweist. Wenige, doch einige immerhin seien auf dem richtigen Weg.
  4. Es folgen Richtlinien für den philosophischen Lehrling, die im Alltag umgesetzt werden können. Seneca fordert Lucilius auf, bei sich zu prüfen, wie er es mit seiner Kleidung, den Mahlzeiten, dem Bau und der Einrichtung seines Hauses halte. Lucilius solle sich selbst nicht großzügiger als andere behandeln, an einer einheitlichen Regel für sein Leben festhalten.
  5. Abschließend kommt Seneca nicht umhin, auf abschreckende Beispiele falschen Handelns zu verweisen.

Was macht die Aufgabe der Philosophie aus? Für den Stoiker Seneca muss der Philosoph vor allem „einstimmig“ leben. Seneca fasst den zentralen Satz der Stoa – Zenons Formel: ὁμολογουμένως ζῆν – in dem vorliegenden Text in der Anweisung zusammen: „verba rebus proba“. Theorie und Praxis dürften nicht auseinanderklaffen, Worte und Taten des Philosophen müssten einander entsprechen („ad legem suam quisque vivat, verbis opera concordent, ne orationi vita dissentiat vel ipsa inter se vita“. Die Philosophie ist auf Praxis ausgerichtet, auf das richtige Handeln – daran lässt der Philosoph keinen Zweifel aufkommen.

Die folgenden selektiv genannten Redemittel unterstützen den Gedankengang:

a) Hendiadyoin: „rogo atque hortor“
Die Inständigkeit der Bitte wird unterstrichen.

b) Metonymie: „in praecordia ima“
Die Weisheit solle ihren Sitz in den „Eingeweiden“ der Person haben – ein schönes Bild für die existentielle Bedeutung praktisch ausgerichteter Philosophie.

c) Antithese: „non oratione nec scripto“
Worte und Taten sollen nicht auseinanderklaffen.

d) Parallelismus: „animi firmitate, cupiditatum deminutione“
Jedem Anschwellen verführerischer Affekte soll der Schüler mit klarem, festem Urteil begegnen.

e) Gesetz der wachsenden Glieder
Seneca greift immer weiter aus, um die Aufgaben der Philosophie zu beschreiben.

f) Brevitas: „verba rebus proba“
Der prägnant formulierte Appell ist durch den hypotaktisch gebauten Vordersatz vorbereitet worden. Die Anweisung zur „Einstimmigkeit“ wird so zum Zielpunkt.

g) Hyperbaton: „Maximum hoc est et officium sapientiae et indicium“
Betont wird die Wichtigkeit der Aufgabe, das Handeln mit den Worten in Übereinstimmung zu bringen.

h) Ellipse: „Pauci, aliqui tamen“
Das Glück der Wenigen entschädigt für die Mühen, die die Philosophie auferlegt.

i) Hyperbaton: „nec hoc dico sapientem uno semper iturum gradu, sed una via“
Schlägt auch der Fortschritt bisweilen in Rückschritt um, der Weg zum Glück ist grundsätzlich möglich.

Die sauren Trauben

Oder: Wahre Helden machen Fehler

 Annalenas Interpretation (9. Klasse)

Text:

Fame coacta vulpes alta in vinea
uvam appetebat summis saliens viribus.
Quam tangere ut non potuit, discedens ait:
„Nondum matura est; nolo acerbam sumere.“
Qui, facere quae non possunt, verbis elevant,
adscribere hoc debebunt exemplum sibi.

(Phaedrus 4.3)

Übersetzung:

Vom Hunger getrieben, versuchte der Fuchs am hohen Weinstock /
nach der Traube zu gelangen, aus Leibeskräften in die Höhe springend. /
Als er diese nicht erreichen konnte, sagte er im Abgang: /
„Sie ist noch nicht reif; eine saure Traube möchte ich nicht verzehren.“ /
Diejenigen, die das, was sie nicht leisten können, mit Ausreden abschwächen, /
werden sich dieses Beispiel hinter die Ohren schreiben müssen.  

Interpretation:

Schon am ersten Vers merkt man gleich, dass es um den Fuchs („vulpes“, V. 1) geht, da der Ausdruck in der Versmitte steht. Der Fuchs ist der Held dieser Fabel. Allerdings wird er sich nicht als wahrer Held erweisen, wie der Leser am Ende erfährt. Die Traube („uvam“, Tonstelle in V. 2) wird besonders hervorgehoben, sodass das Ziel der Handlung deutlich wird: Der Fuchs möchte an die Traube gelangen. Der Verssprung von V. 1 bis V. 2 verdeutlicht die Entfernung zwischen dem Fuchs und der Traube. Im zweiten Vers findet sich außerdem eine Alliteration: „summis saliens“ (Hyperbaton zwischen „summis“ und „viribus“). So wird hervorgehoben, dass der Sprung nach der Traube nicht einfach ist. Die Fabel enthält eine auffällige Wortwiederholung, nämlich „non potuit“ (V. 3) und „non possunt“ (V. 5). Dies macht deutlich, dass der Fuchs etwas nicht kann, dass er sein Ziel für dieses eine Mal nicht erreicht. Im letzten Vers befindet sich ein Hyperbaton, da „adscribere“ und „sibi“ getrennt voneinander und nicht gemeinsam auftreten. „[S]ibi“ wird so zum Schlusspunkt der Fabel. Das Hyperbaton sorgt dafür, dass der Mittelteil, also „hoc debebunt exemplum“ besonders auffällt, damit der Leser sofort weiß, was er auf sich selbst beziehen muss. Ihm wird auf diese Weise mitgeteilt, dass diese Fabel auf sein eigenes Verhalten zu beziehen ist. Mit anderen Worten: Er soll sein eigenes Verhalten am Beispiel des Fuchses überprüfen. Kann er eigenes Versagen eingestehen, oder wird er wie der Fuchs für einen Fehler immer eine Ausrede finden? Ein wahrer Held wäre zu einem solchen Eingeständnis fähig.

Keine Fabel ohne Fehler, kein Fehler ohne Ausrede hieße im Umkehrschluss: keine Ausrede ohne Fabel.

Interview mit einem Dichter

Der Dramatiker Seneca las aus seinem letzten Akt vor. Die Familie des Kaisers lag im Dunkeln. Manchmal sah man eine Hand, die sich vom Sofa fort bewegte, manchmal Agrippina, in einer Drehung begriffen. Wie schade, dass es kein weiteres Drama mehr geben wird! Wie gerne hätten wir ein neues Stück von dir bewundert! Seneca schien Agrippina zu suchen. Der Kaiser selbst brachte nicht mehr die Kraft auf, die passenden Worte für seine Gefühle zu finden. Schwankend erhob er sich, um die Hand des zaghaft wartenden Sekretärs aus Cordoba zu fassen. Gehen Sie! Dieser begann in der Nacht noch die laudatio poetae, den Lobgesang auf den Dichter Seneca, der aus jeder Blüte Honig saugen kann, für die Öffentlichkeit vorzubereiten.

 
Arbeitsanregungen:

  1. Verfassen Sie für die Hof- und Klatschpresse ein Interview mit dem Dichter Seneca.
  2. Stützen Sie sich dabei auf das im Unterricht ausgeteilte Material über Seneca!

Zusatzaufgabe:

  • Flechten Sie in das Interview möglichst viele lateinische Floskeln ein (s. Arbeitsblatt)!

 

Umgang mit Sklaven

Den Wert des Pferdes nach seinem Zaumzeug bemessen?

Seneca: Epistula 47, 16–17

Text 

Am Schluss seines Briefes (Epistula 47) geht Seneca unter anderem auf die Frage ein, was eigentlich ein „Sklave“ ist.

Quemadmodum (1) stultus est, qui equum empturus (2) non ipsum inspicit, sed stratum eius ac frenos, sic stultissimus est, qui hominem aut ex veste aut ex condicione, quae vestis modo (3) nobis circumdata est, aestimat. „Servus est.“ Sed fortasse liber animo. „Servus est.“ Hoc illi nocebit? Ostende, quis non sit: Alius libidini servit, alius avaritiae, alius ambitioni, omnes spei, omnes timori. Dabo (4) consularem (5) aniculae (6) servientem, dabo ancillulae (7) divitem. […] Nulla servitus turpior est quam voluntaria. Quare non est, quod (8) fastidiosi isti te deterreant (9), quominus servis tuis hilarem te praestes (10) et non superbe superiorem (11): Colant potius te, quam timeant.
 
1) quemadmodum: wie ; 2) empturus: wenn er im Begriff ist, […] zu kaufen; 3)  modō mit Gen.: in der Art von, wie; 4) dare: hier: als Beispiel anführen; 5) cōnsulāris: ehemaliger Konsul; 6) anicula: unbedeutende alte Frau; 7) ancillula: junge Sklavin; 8) nōn est quod mit Konj.: es besteht kein Grund, dass; 9) dēterrēre quōminus: davon abschrecken, dass; 10) sē praestāre mit Akk.: sich erweisen als; 11) superior: überlegen, von oben herab.

 

Übersetzung 

Wie jemand ein Dummkopf ist, welcher, wenn er vorhat, ein Pferd zu kaufen, es nicht selbst begutachtet, sondern seine Decke und seine Zügel, so ist ein sehr großer Dummkopf, welcher einen Menschen entweder nach seiner Kleidung oder seinem Stand beurteilt, der uns doch nach der Art eines Kleidungsstückes umgelegt ist. „Sklave ist er.“ Aber vielleicht frei in seinem Herzen. „Sklave ist er.“ Das wird ihm schaden? Zeig [mir], wer es nicht ist: Einer ist Sklave seiner Sinnlichkeit, ein anderer seiner Habsucht, ein anderer seines Ehrgeizes, alle der Hoffnung, alle der Furcht. Als Beispiel werde ich [dir] einen ehemaligen Konsuln anführen, der einem alten Mütterchen Sklavendienst leistet, ich werde [dir] einen reichen Herrn anführen, der das gegenüber einer jungen Sklavin tut. […] Kein Sklavendienst ist schimpflicher als der aus eigenem Antrieb. Daher besteht kein Grund, dass diese Hochmütigen da dich davon abschrecken, dass du dich deinen Sklaven gegenüber freundlich zeigst und nicht überheblich von oben herab: Verehren sollen sie dich lieber, als dass sie dich fürchten.

 

Zusammenfassung 

Der 47. Brief Senecas behandelt die Frage, ob Lucilius mit seinen Sklaven richtig umgehe. Der vorliegende Text, der diesem Brief entnommen ist, gliedert sich in vier Teile.

  1. (Z. 1–3): Zunächst wird der These, Sklaverei sei etwas Äußerliches, der Vergleich vorausgeschickt, dass jemand vor dem Kauf eines Pferdes nicht das Tier selbst einer Prüfung unterzieht, sondern dessen Decke oder Zügel. Seneca betrachtet dieses Verhalten als einfältig und schließt daran an, dass es deshalb umso einfältiger sei, den Wert eines Menschen an seiner Kleidung oder seinem sozialen Stand zu bemessen. Der soziale Stand sei uns wie ein Kleidungsstück umgeworfen.
  2. (Z. 3–4): Der fictus interlocutor meldet sich zweimal zu Wort: Ein Sklave bleibe ein Sklave. Seneca weist darauf hin, dass ein Sklave zumindest innere Freiheit besitzen könne.
  3. (Z. 4–6): Im Anschluss daran führt Seneca dem Leser verschiedene Formen der Sklaverei beispielhaft vor Augen: Der eine könne seine Begierden nicht zügeln, der andere dagegen fröne seinem Ehrgeiz. Alle würden schließlich beherrscht von ihren Hoffnungen und Befürchtungen.
  4. (Z. 6–8): Und deshalb, folgert Seneca, solle Lucilius von seiner gelassenen Einstellung seinen Sklaven gegenüber nicht absehen. Ehrerbietung vor dem Herrn sei wichtiger als Furcht vor ihm. Darauf, schließt der vorliegende Text, komme es an.

 
Analyse
 
Seneca teilt zunächst den allgemeinen Standpunkt, dass der Sklave mit dem Tier gleichzustellen ist, in gewisser Hinsicht auf einer Linie mit der Frau und dem Kind steht, insofern sie der patria potestas, der „väterlichen Rechtsgewalt“ unterworfen sind. Das Wort „condicio“ (Z. 2) drückt dieses Verhältnis aus: Es geht um die soziale Stellung, die ein Mensch in der Gesellschaft einnimmt. Es ist aber von Bedeutung, darauf hinzuweisen, dass Seneca dabei an die Stellung in der äußeren Welt denkt und dies durch den Vergleich mit der Kleidung auch deutlich macht: „condicio[..], quae vestis modo nobis circumdata est“ (Z. 2–3). Das lateinische Wort „condicio“ bedeutet: „position, state, circumstances (of personal fortune); legal position or status“, OLD (2012) 432.

Seneca sieht Sklaverei als etwas Äußerliches an. Wer Sklave wird, wird es durch Zufall (fortuna) oder Bestimmung (fatum). Daneben findet sich aber die innere Abhängigkeit – Seneca nennt sie in dem vorliegenden Text ausdrücklich: die „servitus voluntaria“ (vgl. Z. 6). Infolgedessen, was die weitere Auslegung des Begriffs betrifft, erscheinen alle Menschen als Sklaven: Niemand ist so frei im Geiste, dass er sich von seinen Ängsten und Hoffnungen befreien könnte. „Ostende, quis non sit: Alius libidini servit, alius avaritiae, alius ambitioni, omnes spei, omnes timori“ (Z. 4–5). Der Philosoph hat also ein derart großes Gefühl für die psychische Welt, dass er auch von einem ehemaligen Konsuln als Sklaven spricht – und ihn dafür verurteilt: „Dabo consularem aniculae servientem […] Nulla servitus turpior est quam voluntaria“ (Z. 5–6). Wir wissen, dass die Ethik und Psychologie der Stoa ihr Augenmerk auf die „innere Sklaverei“ richtet, die durch freiwillige Zustimmung nur verschlimmert werden kann.

Dieser Form der Sklaverei lässt sich nur mit Einsicht und Gelassenheit, nicht mit Hochmut begegnen. Seneca nimmt an, dass Lucilius seine innere Abhängigkeit bereits erkannt hat und darum gelassen und weise gegenüber seinen Sklaven auftritt.
 

Eine utopische Gesellschaft

Die Gruppe um Spartacus:
Eine utopische Gesellschaft von Freien?

Es ist bemerkenswert, aus welchen sozialen Schichten die Spartacusanhänger kommen. Sklaven und ehemals Freie waren durcheinandergemischt. Ohne Rücksicht auf den Rang, den sie in der Gesellschaft eingenommen hatten, sammelten sie sich um Spartacus. Die Gladiatoren waren mit Teilen ihrer Rüstung versehen. Alle waren mit Knüppeln bewaffnet, die sie unten zugespitzt hatten. Anfangs zählte die Gruppe 74 Männer, offenbar allesamt dazu bereit, alles auf Spiel zu setzen. Ihr Zusammenhalt war erstaunlich. Später hatten die Männer richtige Waffen, als sie plötzlich, wie von einem einzigen Willen belebt, Clodius Glabers Legion in ihrem Nachtlager überfielen.

Arbeitsanregungen:
 

  • Aus welchen Gruppen setzt sich die Spartacusbewegung zusammen?
  • Erläutern Sie die Motive, die die Bewegung verfolgt!
  • Sehen Sie sich Stanley Kubrick’s Film „Spartacus“ an und überprüfen Sie, ob er utopische Aussagen enthält.

 

Ein zweiter Romulus

Lucius Iunius Brutus. Büste von Ludovico Lombardo. 1550

Livius. Klausur

Die Versammlung der Tarquinier provoziert die Vergewaltigung der Lucretia. Der Erzähler teilt in ungewöhnlicher Sprache von dem Verbrechen mit. Diese Sprache ist von einer klaren Strategie bestimmt. Deren letztes Ziel ist der von Brutus gesprochene Eid. Das Vertrauen in das etruskische Königshaus ist geschwunden.

Liv. 1.59.3–5

Elatum (1) domo Lucretiae corpus in forum deferunt, concientque (2) miraculo (3), ut fit, rei novae atque indignitate (4) homines. Pro se quisque scelus regium ac vim queruntur. Movet cum patris maestitia, tum Brutus castigator (5) lacrimarum atque inertium (6) querellarum auctorque quod viros, quod Romanos deceret, arma capiendi (7) adversus [viros] hostilia ausos. Ferocissimus quisque iuvenum cum armis voluntarius adest; sequitur et cetera iuventus. Inde patre praeside relicto Collatiae ad portas custodibusque datis ne quis eum motum regibus nuntiaret, ceteri armati duce Bruto Romam profecti.

1 ēlātus PPP → effero; 2 concieō, concīvī, concitum → zusammenbringen, herbeiziehen, -rufen, versammeln; 3 miraculum → das Wunderbare, Auffallende [rei novae]; 4 indīgnitās <ātis> f → das Unwürdige, Empörende, Schmach; 5 castīgātor <ōris> m → Zuchtmeister, Sittenrichter; 6 iners → unnütz, bedeutungslos; 7 auctorque quod viros, quod Romanos deceret, arma capiendi → und der dazu auffordert, dass man, wie es die Pflicht echter Männer, wie es die Pflicht echter Römer sei, zu den Waffen greife.

Aufgaben:

1. Übersetzen Sie den Text.
2. Fassen Sie den Text knapp und in gegliederter Form zusammen!
3. Stellen Sie exemplarisch heraus, wie die „echten Römer“ (viri vere Romani) im vorliegenden Text charakterisiert werden. Zeigen Sie dabei, ob und wie rhetorische Mittel zum Zwecke der Leserlenkung eingesetzt werden.
4. Beurteilen Sie, inwiefern diese Passage als Teil einer „zweiten Gründungssage“ aufgefasst werden kann. Beziehen Sie dabei die Vorgeschichte und den (möglichen) Ausgang der Lucretia-Anekdote ein.

Erwartungshorizont

1. Aufgabe
Sie übersetzen den Text, z. B.:

Sie tragen den Leichnam Lucretias aus dem Haus heraus und bringen ihn auf den Marktplatz, und rufen, wie es zu gehen pflegt, durch das Seltsame und Empörende der Neuigkeit die Leute zusammen. Jeder klagt entsprechend seiner Gesinnung über Verbrechen und Gewalt von Seiten des Königs. Eindruck macht einmal die Trauer des Vaters, dann Brutus, der als Sittenrichter auftritt, bezüglich der Tränen und der unnützen Scheltworte, und der dazu auffordert, dass man, wie es die Pflicht echter Männer, wie es die Pflicht echter Römer sei, zu den Waffen greife gegen Männer, die Feindschaftliches gewagt hätten. Die unerschrockensten der jungen Männer stellen sich mit Waffen freiwillig ein; die übrigen jungen Leute folgen. Der Vater wurde als Beschützer des Anwesens auf dem Collatium zurückgelassen, den Toren wurden Wachen eingeteilt, damit nicht sonstwer diesen Aufruhr den Königen meldete, die Übrigen zogen bewaffnet unter der Leitung des Brutus nach Rom.

2. Aufgabe
Sie fassen den Text knapp und in gegliederter Form zusammen, z. B.:

Das Geschehen lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Brutus ruft anlässlich der Bestattung Lucretias zu den Waffen und wird zum Anführer der Erhebung gegen die Tarquinier. Die zugrunde liegende Situation ist damit zweigeteilt: Es gibt zum einen die Bestattung (Z. 1–4), und zum anderen den Marsch nach Rom (Z. 4–7).

Das Geschehen lässt sich detaillierter nach folgenden Gesichtspunkten gliedern:
1. Der Anblick der Toten. Lucretias Leichnam wird aus dem Haus getragen und unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit auf den Marktplatz gebracht (Z. 1–2).
2. Das Publikum. Die Reaktionen der Öffentlichkeit sind unterschiedlicher Art:
a) Mit Bezug auf die Schuld der Königsfamilie: Klagen über die Schandtaten der Tarquinier werden laut (Z. 2).
b) Mit Bezug auf den Vater: Insbesondere die Trauer des Vaters erfüllt die Menge mit Rührung (Z. 2–3).
3. Der Aufruf des Brutus. Brutus nutzt die Gelegenheit und ruft zum bewaffneten Widerstand gegen die Herrscherfamilie auf (Z. 3–4).
4. Der Aufstand. Der Aufruf verfehlt seine Wirkung nicht. Als Erstes sind die wildesten unter den jungen Leuten zur Stelle. Man zieht bewaffnet nach Rom (Z. 4–7).

3. Aufgabe
Sie stellen exemplarisch heraus, wie die „echten Römer“ im vorliegenden Text charakterisiert werden, z. B.:

Kein Zweifel besteht darüber, wer in der geschilderten Situation herausragt: Es ist Brutus, der sich in Livius‘ Darstellung vom Außenseiter der Königsfamilie zum Anführer des Aufstands gegen sie wandelt. Wir nehmen an, dass er zunächst aus dramaturgischen Gründen eine Randfigur spielen soll. Er begleitet die Königssöhne Titus und Arruns zum Orakel nach Delphi (Liv. 1.56.7–13), schwer und tollpatschig macht er seinem Beinamen „Der Dumme“ (Brutus) alle Ehre. Es bleibt in der Schwebe, ob Brutus in Delphi bereits über den Niedergang des Königshauses reflektiert und seine eigene Zukunft vorbereitet oder instinktiv das Orakel zu seinen Gunsten auslegt. Nun macht er jedoch einen starken Eindruck. Aus dem Tollpatsch ist ein Mann der Tat geworden. Sein Charakter hat seine Bestimmung gefunden, er ist von einem „neuen Geist“ („novum in Bruti pectore ingenium“, Liv. 1.59.2) beseelt. In diesem Sinne ist die Frage zu beantworten, warum der Aufruf zum Aufstand nicht in direkter Figurenrede, sondern nur indirekt wiedergegeben wird. Der von Livius gezeichnete Brutus ist voll von Tatendrang, dass die Einschaltung einer Figurenrede den Gang der Handlung unnötig aufhielte. Der Zusammenhang zwischen Schwur („iuro […] me L. Tarquinium Superbum […] ferro igni […] exsecuturum“, Liv. 1.59.1) und Tat muss erhalten bleiben.

Der Text weist die typischen Merkmale des livianischen Geschichtswerkes auf: Dramatik der Handlung, Fokalisierung und Multiperspektivität der Erzählung. Mit anderen Worten: Der Fokus liegt auf der Darstellung der traurigen Lage, in der sich die Collatiner nach dem Tod Lucretias befinden. Brutus versucht die Lage zu retten, die Übrigen reagieren mit Klagen und Tränen.

Folgende rhetorische Mittel unterstützen die Dramatik der Darstellung (Beispiele):

a) Als Erstes sei gefragt: Woher nimmt die Stelle ihre Dramatik? Aus dem Anblick der Toten. Dabei muss einbezogen werden, dass das vorangestellte „Elatum“ (Inversion) Terminus technicus für die Aufbahrung der Toten ist.
b) Der auf einen Wagen gehobenen Bahre folgen zunächst gewöhnlich die Leidtragenden, dann Klageweiber, Tänzer, Musikanten. Es ist normal, dass dadurch Zuschauer angelockt werden (Erzählereinschub: „ut fit“, Z. 1).
c) In der Allgemeinheit der Trauer stellt es ein Problem dar, dass „jeder für sich“ (Tonstelle in „Pro se quisque“, Z. 2) trauert.
d) Und der Vater? Ihn quält sichtlich der Schmerz über den Verlust der Tochter (Tonstelle in „Movet“, Z. 2; Alliteration in „Movet […] maestitia“, Z. 2–3).
e) Nur Brutus gehört in einen anderen Bereich, indem er über die „unnütze“ Rührung hinausweist (Metonymie in „castigator lacrimarum atque inertium querellarum“, Z. 3). Das wird mithilfe des Gesetzes der wachsenden Glieder (Klimax) auch an der Syntax deutlich (vgl. Z. 3–4).
f) Brutus (vieldeutige Periphrase in „auctor“, Z. 3) löst sich von der Trauergemeinde, indem er sich zu den echten römischen Tugenden bekennt (Anapher und correctio in „quod viros, quod Romanos deceret“, Z. 3–4).
g) Was ein Exemplum bewirkt, wird im Folgenden deutlich (vgl. Z. 4–7). Die Tatkraft des Brutus wird dadurch zum Muster römischer Tatkraft überhaupt. Sie wird zum Antrieb für die Jugend und lenkt deren ungestüme Entschlossenheit (Tonstelle in „Ferocissimus“, Z. 4) durch ihre Vorbildhaftigkeit in die „richtigen“ Bahnen.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass die „echten“ Römer freiwillig („voluntarius“, Z. 5) und gemeinschaftlich („sequitur et cetera iuventus“, Z. 5) ihrem Vorbild folgen. Brutus wird damit zum zweiten Romulus.

4. Aufgabe
Sie beurteilen, inwiefern diese Passage als Teil einer „zweiten Gründungssage“ aufgefasst werden kann, z. B.:

Der Vergleich zwischen Brutus und Romulus ist bereits genannt worden. Dieser müsste mithilfe verschiedener Gesichtspunkte ausführlicher dargelegt werden und sich auf die Darstellung der Charaktere beziehen: Nicht nur Romulus, auch Brutus kämpft für die Einhaltung römischer Werte (libertas, pietas, concordia, virtus).

Als weitere Gründe könnten gelten:

  • Die Matronen Roms bezeichnen Lucius Iunius Brutus als ihren Vater, weil er Lucretias Keuschheit verteidigt hat, und betrauern ihn, heißt es bei Livius, als er im Zweikampf gegen Arruns fällt, ein ganzes Jahr lang („matronae annum ut parentem eum luxerunt, quod tam acer ultor violatae pudicitiae fuisset“, Liv. 2.7.4).
  • Mit Brutus ist die Herrschaft der Tarquinier an ihr Ende gekommen und der Übergang zur Konsularverfassung geschaffen worden. In dieser Zeit erneuert sich Rom.
  • Als weiteres, technisches Argument könnte angeführt werden: Die Brutussage erlaubt es Livius, den Stoff seines Geschichtswerks sinnvoll zu gliedern.

Diese Überlegungen führen bereits zu dem Schluss, dass Livius die Brutussage als zweite Gründungssage inszeniert hat.