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Bescheidenheit


 
Ab urbe condita. Vorrede

Praefatio („Vorrede“) bedeutet, dass die eigenen Ansprüche an das Werk in aller Bescheidenheit formuliert werden. Der Schriftsteller breitet diese Ansprüche aus, vergleicht sich mit anderen, die Ähnliches versucht haben: Der römische Historiker Livius (59 v. Chr. – 17 n. Chr.) sieht sich in diesem Fall besonderen Anforderungen gegenübergestellt. In der Vorrede seiner 142 Bücher umfassenden Geschichte der Stadt Rom erinnert er daran, wie viele Schriftsteller (novi semper scriptores) neues Material bereitgestellt hätten. Er macht deutlich, dass viele vor ihm sich außerdem vorgenommen hätten, ihre Vorgänger stilistisch zu übertreffen (scribendi arte rudem vetustatem superaturos credunt). Den Historiker Livius erwartet also eine relativ komplexe Aufgabe, zumal sein Stoff mehr als 700 Jahre umfasst. Es ist nach dem Gesagten auffällig, dass Livius, anstatt sich zu brüsten, in aller Bescheidenheit ansetzt, von seinem Werk zu sprechen. Die Praefatio des livianischen Geschichtswerkes soll deutlich machen, dass Bescheidenheit und Zurückhaltung zu den Tugenden zählen, die der Autor für seine Zeitgenossen herbeiwünscht.

Liv. 1.1

Facturusne operae pretium sim, si a primordio urbis res populi Romani perscripserim, nec satis scio nec, si sciam, dicere ausim, quippe qui cum veterem tum volgatam esse rem videam, dum novi semper scriptores aut in rebus certius aliquid allaturos se aut scribendi arte rudem vetustatem superaturos credunt.

Fortsetzung und Übersetzung (Landesbildungsserver Baden-Württemberg)

Arbeitsanregungen:

  • Gliedern Sie die Vorrede in Sinnabschnitte und suchen Sie für jeden Abschnitt eine passende Überschrift.
  • Arbeiten Sie aus Livius‘ Darstellung die Aufgaben der Geschichtsschreibung heraus. Stellen Sie dafür auch die Aussagen über den Wert der Geschichtsschreibung für die Gegenwart zusammen.