Schlagwort-Archive: Rom

Ein zweiter Romulus

Lucius Iunius Brutus. Büste von Ludovico Lombardo. 1550

Livius. Klausur

Die Versammlung der Tarquinier provoziert die Vergewaltigung der Lucretia. Der Erzähler teilt in ungewöhnlicher Sprache von dem Verbrechen mit. Diese Sprache ist von einer klaren Strategie bestimmt. Deren letztes Ziel ist der von Brutus gesprochene Eid. Das Vertrauen in das etruskische Königshaus ist geschwunden.

Liv. 1.59.3–5

Elatum (1) domo Lucretiae corpus in forum deferunt, concientque (2) miraculo (3), ut fit, rei novae atque indignitate (4) homines. Pro se quisque scelus regium ac vim queruntur. Movet cum patris maestitia, tum Brutus castigator (5) lacrimarum atque inertium (6) querellarum auctorque quod viros, quod Romanos deceret, arma capiendi (7) adversus [viros] hostilia ausos. Ferocissimus quisque iuvenum cum armis voluntarius adest; sequitur et cetera iuventus. Inde patre praeside relicto Collatiae ad portas custodibusque datis ne quis eum motum regibus nuntiaret, ceteri armati duce Bruto Romam profecti.

1 ēlātus PPP → effero; 2 concieō, concīvī, concitum → zusammenbringen, herbeiziehen, -rufen, versammeln; 3 miraculum → das Wunderbare, Auffallende [rei novae]; 4 indīgnitās <ātis> f → das Unwürdige, Empörende, Schmach; 5 castīgātor <ōris> m → Zuchtmeister, Sittenrichter; 6 iners → unnütz, bedeutungslos; 7 auctorque quod viros, quod Romanos deceret, arma capiendi → und der dazu auffordert, dass man, wie es die Pflicht echter Männer, wie es die Pflicht echter Römer sei, zu den Waffen greife.

Aufgaben:

1. Übersetzen Sie den Text.
2. Fassen Sie den Text knapp und in gegliederter Form zusammen!
3. Stellen Sie exemplarisch heraus, wie die „echten Römer“ (viri vere Romani) im vorliegenden Text charakterisiert werden. Zeigen Sie dabei, ob und wie rhetorische Mittel zum Zwecke der Leserlenkung eingesetzt werden.
4. Beurteilen Sie, inwiefern diese Passage als Teil einer „zweiten Gründungssage“ aufgefasst werden kann. Beziehen Sie dabei die Vorgeschichte und den (möglichen) Ausgang der Lucretia-Anekdote ein.

Erwartungshorizont

1. Aufgabe
Sie übersetzen den Text, z. B.:

Sie tragen den Leichnam Lucretias aus dem Haus heraus und bringen ihn auf den Marktplatz, und rufen, wie es zu gehen pflegt, durch das Seltsame und Empörende der Neuigkeit die Leute zusammen. Jeder klagt entsprechend seiner Gesinnung über Verbrechen und Gewalt von Seiten des Königs. Eindruck macht einmal die Trauer des Vaters, dann Brutus, der als Sittenrichter auftritt, bezüglich der Tränen und der unnützen Scheltworte, und der dazu auffordert, dass man, wie es die Pflicht echter Männer, wie es die Pflicht echter Römer sei, zu den Waffen greife gegen Männer, die Feindschaftliches gewagt hätten. Die unerschrockensten der jungen Männer stellen sich mit Waffen freiwillig ein; die übrigen jungen Leute folgen. Der Vater wurde als Beschützer des Anwesens auf dem Collatium zurückgelassen, den Toren wurden Wachen eingeteilt, damit nicht sonstwer diesen Aufruhr den Königen meldete, die Übrigen zogen bewaffnet unter der Leitung des Brutus nach Rom.

2. Aufgabe
Sie fassen den Text knapp und in gegliederter Form zusammen, z. B.:

Das Geschehen lässt sich mit einem Satz zusammenfassen: Brutus ruft anlässlich der Bestattung Lucretias zu den Waffen und wird zum Anführer der Erhebung gegen die Tarquinier. Die zugrunde liegende Situation ist damit zweigeteilt: Es gibt zum einen die Bestattung (Z. 1–4), und zum anderen den Marsch nach Rom (Z. 4–7).

Das Geschehen lässt sich detaillierter nach folgenden Gesichtspunkten gliedern:
1. Der Anblick der Toten. Lucretias Leichnam wird aus dem Haus getragen und unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit auf den Marktplatz gebracht (Z. 1–2).
2. Das Publikum. Die Reaktionen der Öffentlichkeit sind unterschiedlicher Art:
a) Mit Bezug auf die Schuld der Königsfamilie: Klagen über die Schandtaten der Tarquinier werden laut (Z. 2).
b) Mit Bezug auf den Vater: Insbesondere die Trauer des Vaters erfüllt die Menge mit Rührung (Z. 2–3).
3. Der Aufruf des Brutus. Brutus nutzt die Gelegenheit und ruft zum bewaffneten Widerstand gegen die Herrscherfamilie auf (Z. 3–4).
4. Der Aufstand. Der Aufruf verfehlt seine Wirkung nicht. Als Erstes sind die wildesten unter den jungen Leuten zur Stelle. Man zieht bewaffnet nach Rom (Z. 4–7).

3. Aufgabe
Sie stellen exemplarisch heraus, wie die „echten Römer“ im vorliegenden Text charakterisiert werden, z. B.:

Kein Zweifel besteht darüber, wer in der geschilderten Situation herausragt: Es ist Brutus, der sich in Livius‘ Darstellung vom Außenseiter der Königsfamilie zum Anführer des Aufstands gegen sie wandelt. Wir nehmen an, dass er zunächst aus dramaturgischen Gründen eine Randfigur spielen soll. Er begleitet die Königssöhne Titus und Arruns zum Orakel nach Delphi (Liv. 1.56.7–13), schwer und tollpatschig macht er seinem Beinamen „Der Dumme“ (Brutus) alle Ehre. Es bleibt in der Schwebe, ob Brutus in Delphi bereits über den Niedergang des Königshauses reflektiert und seine eigene Zukunft vorbereitet oder instinktiv das Orakel zu seinen Gunsten auslegt. Nun macht er jedoch einen starken Eindruck. Aus dem Tollpatsch ist ein Mann der Tat geworden. Sein Charakter hat seine Bestimmung gefunden, er ist von einem „neuen Geist“ („novum in Bruti pectore ingenium“, Liv. 1.59.2) beseelt. In diesem Sinne ist die Frage zu beantworten, warum der Aufruf zum Aufstand nicht in direkter Figurenrede, sondern nur indirekt wiedergegeben wird. Der von Livius gezeichnete Brutus ist voll von Tatendrang, dass die Einschaltung einer Figurenrede den Gang der Handlung unnötig aufhielte. Der Zusammenhang zwischen Schwur („iuro […] me L. Tarquinium Superbum […] ferro igni […] exsecuturum“, Liv. 1.59.1) und Tat muss erhalten bleiben.

Der Text weist die typischen Merkmale des livianischen Geschichtswerkes auf: Dramatik der Handlung, Fokalisierung und Multiperspektivität der Erzählung. Mit anderen Worten: Der Fokus liegt auf der Darstellung der traurigen Lage, in der sich die Collatiner nach dem Tod Lucretias befinden. Brutus versucht die Lage zu retten, die Übrigen reagieren mit Klagen und Tränen.

Folgende rhetorische Mittel unterstützen die Dramatik der Darstellung (Beispiele):

a) Als Erstes sei gefragt: Woher nimmt die Stelle ihre Dramatik? Aus dem Anblick der Toten. Dabei muss einbezogen werden, dass das vorangestellte „Elatum“ (Inversion) Terminus technicus für die Aufbahrung der Toten ist.
b) Der auf einen Wagen gehobenen Bahre folgen zunächst gewöhnlich die Leidtragenden, dann Klageweiber, Tänzer, Musikanten. Es ist normal, dass dadurch Zuschauer angelockt werden (Erzählereinschub: „ut fit“, Z. 1).
c) In der Allgemeinheit der Trauer stellt es ein Problem dar, dass „jeder für sich“ (Tonstelle in „Pro se quisque“, Z. 2) trauert.
d) Und der Vater? Ihn quält sichtlich der Schmerz über den Verlust der Tochter (Tonstelle in „Movet“, Z. 2; Alliteration in „Movet […] maestitia“, Z. 2–3).
e) Nur Brutus gehört in einen anderen Bereich, indem er über die „unnütze“ Rührung hinausweist (Metonymie in „castigator lacrimarum atque inertium querellarum“, Z. 3). Das wird mithilfe des Gesetzes der wachsenden Glieder (Klimax) auch an der Syntax deutlich (vgl. Z. 3–4).
f) Brutus (vieldeutige Periphrase in „auctor“, Z. 3) löst sich von der Trauergemeinde, indem er sich zu den echten römischen Tugenden bekennt (Anapher und correctio in „quod viros, quod Romanos deceret“, Z. 3–4).
g) Was ein Exemplum bewirkt, wird im Folgenden deutlich (vgl. Z. 4–7). Die Tatkraft des Brutus wird dadurch zum Muster römischer Tatkraft überhaupt. Sie wird zum Antrieb für die Jugend und lenkt deren ungestüme Entschlossenheit (Tonstelle in „Ferocissimus“, Z. 4) durch ihre Vorbildhaftigkeit in die „richtigen“ Bahnen.

Als Fazit lässt sich festhalten, dass die „echten“ Römer freiwillig („voluntarius“, Z. 5) und gemeinschaftlich („sequitur et cetera iuventus“, Z. 5) ihrem Vorbild folgen. Brutus wird damit zum zweiten Romulus.

4. Aufgabe
Sie beurteilen, inwiefern diese Passage als Teil einer „zweiten Gründungssage“ aufgefasst werden kann, z. B.:

Der Vergleich zwischen Brutus und Romulus ist bereits genannt worden. Dieser müsste mithilfe verschiedener Gesichtspunkte ausführlicher dargelegt werden und sich auf die Darstellung der Charaktere beziehen: Nicht nur Romulus, auch Brutus kämpft für die Einhaltung römischer Werte (libertas, pietas, concordia, virtus).

Als weitere Gründe könnten gelten:

  • Die Matronen Roms bezeichnen Lucius Iunius Brutus als ihren Vater, weil er Lucretias Keuschheit verteidigt hat, und betrauern ihn, heißt es bei Livius, als er im Zweikampf gegen Arruns fällt, ein ganzes Jahr lang („matronae annum ut parentem eum luxerunt, quod tam acer ultor violatae pudicitiae fuisset“, Liv. 2.7.4).
  • Mit Brutus ist die Herrschaft der Tarquinier an ihr Ende gekommen und der Übergang zur Konsularverfassung geschaffen worden. In dieser Zeit erneuert sich Rom.
  • Als weiteres, technisches Argument könnte angeführt werden: Die Brutussage erlaubt es Livius, den Stoff seines Geschichtswerks sinnvoll zu gliedern.

Diese Überlegungen führen bereits zu dem Schluss, dass Livius die Brutussage als zweite Gründungssage inszeniert hat.

Bescheidenheit


 
Ab urbe condita. Vorrede

Praefatio („Vorrede“) bedeutet, dass die eigenen Ansprüche an das Werk in aller Bescheidenheit formuliert werden. Der Schriftsteller breitet diese Ansprüche aus, vergleicht sich mit anderen, die Ähnliches versucht haben: Der römische Historiker Livius (59 v. Chr. – 17 n. Chr.) sieht sich in diesem Fall besonderen Anforderungen gegenübergestellt. In der Vorrede seiner 142 Bücher umfassenden Geschichte der Stadt Rom erinnert er daran, wie viele Schriftsteller (novi semper scriptores) neues Material bereitgestellt hätten. Er macht deutlich, dass viele vor ihm sich außerdem vorgenommen hätten, ihre Vorgänger stilistisch zu übertreffen (scribendi arte rudem vetustatem superaturos credunt). Den Historiker Livius erwartet also eine relativ komplexe Aufgabe, zumal sein Stoff mehr als 700 Jahre umfasst. Es ist nach dem Gesagten auffällig, dass Livius, anstatt sich zu brüsten, in aller Bescheidenheit ansetzt, von seinem Werk zu sprechen. Die Praefatio des livianischen Geschichtswerkes soll deutlich machen, dass Bescheidenheit und Zurückhaltung zu den Tugenden zählen, die der Autor für seine Zeitgenossen herbeiwünscht.

Liv. 1.1

Facturusne operae pretium sim, si a primordio urbis res populi Romani perscripserim, nec satis scio nec, si sciam, dicere ausim, quippe qui cum veterem tum volgatam esse rem videam, dum novi semper scriptores aut in rebus certius aliquid allaturos se aut scribendi arte rudem vetustatem superaturos credunt.

Fortsetzung und Übersetzung (Landesbildungsserver Baden-Württemberg)

Arbeitsanregungen:

  • Gliedern Sie die Vorrede in Sinnabschnitte und suchen Sie für jeden Abschnitt eine passende Überschrift.
  • Arbeiten Sie aus Livius‘ Darstellung die Aufgaben der Geschichtsschreibung heraus. Stellen Sie dafür auch die Aussagen über den Wert der Geschichtsschreibung für die Gegenwart zusammen.