Archiv des Autors: Gerold Paul

Römisches Haus

Traumempfindung

Von Gerold Paul

Früh zeigt sich dem Kind der römischen Oberschicht bereits, wer welche Aufgaben in der Familie zu übernehmen hat. Wenn der Vater vor die Tür tritt, streckt er seine großen Hände aus den weiten Ärmeln der Toga hervor. Wie eine glänzende Maske aus dem Theater steht er vor dem Kind – und wird beleuchtet und erkannt als Oberhaupt der Familie, als deren Paterfamilias. Das Kind stellt Vergleiche an: Niemand trägt die Toga so wie der Vater, niemand ordnet sie so sorgfältig, auch wenn alle freien Männer in der Familie „Männer der Toga“ sind. Von außen kommt der unaufhörliche Gruß der Klienten, den der Vater je nach Tagesstimmung freudig oder launisch beantwortet; dem Vater kommt offenbar eine wichtige Aufgabe zu. Auch die Unfreien gehören zur Welt des Kindes, so verworren sie auch ist, ohne Kenntnis der Gesetze. In dem griechischen Sklaven erkennen Mädchen wie Jungen ihren Begleiter auf dem Schulweg. Manchmal denkt der Sklave an ein Weiterkommen, findet sich nicht damit ab, Begleiter des Kindes, d. h. Pädagoge zu sein. Für ihn wäre es außerordentlich, Lehrer zu sein oder Sekretär eines gebildeten Herrn.

Die erste Person, an die sich das Kind einer vornehmen Familie erinnert, ist vermutlich die Amme. In den frühesten Nächten spricht sie mit der Seele des Kindes, wenn die finsteren Statuen im Atrium von Dämonen umflattert werden. Es ist fraglich, ob das Kind sich nicht von Einbildungen hat täuschen lassen. Das sind doch Dämonen, da hinten? Ich weiß nur, dass mein Besuch im römischen Haus immer von einer starken Empfindung des Staunens begleitet ist, der dunklen Welt wegen, die ich unter mir fühle.

Fama, Fake News und künstliche Frauen

Haben ihre Begeisterung für das wissenschaftliche Arbeiten entdeckt: Pia Buschermöhle und Luzie Smotzok in den Räumen der Klassischen Philologie in Münster (v. l.); Foto: Gerold Paul.

Zwei Schülerinnen der Q1 nehmen am landesweit ausgetragenen Wettbewerb der Alten Sprachen, am Certamen Carolinum teil.

Bericht von Gerold Paul

Warendorf. Münster. Der landesweit ausgetragene Wettbewerb in den Alten Sprachen, Certamen Carolinum, geht am Mariengymnasium Warendorf in sein zweites Jahr. Thematisch geht es in diesem Jahr um Fama, Fake News und künstliche Frauen. Pia Buschermöhle und Luzie Smotzok, Schülerinnen des Mariengymnasiums und des Laurentianum, haben in der letzten Ferienwoche in den Bibliotheken der Universität Münster recherchiert, was sie für die Ausarbeitung ihrer Wettbewerbsbeiträge benötigen. Der für den Wettbewerb zuständige Lateinlehrer Gerold Paul vom Mariengymnasium und Carina Schlüppmann, die 2016 ihr Abitur am Mariengymnasium gemacht hat und nun Klassische Philologie in Münster studiert, haben ihnen dabei geholfen.

Als Colin Powell, der ehemalige Außenminister der USA, der Welt verkündete, im Irak gebe es Massenvernichtungswaffen, stützte er sich auf Falschmeldungen. Colin Powell schwor damit die Welt auf den lange Jahre währenden Irakkrieg ein. Wenn in der aktuellen Berichterstattung von Fake News gesprochen wird, dann sind meist auch deren verheerende Folgen gemeint. Immer wieder stellt sich die Frage, ob eine vom Hörensagen gestützte Geschichte Wahrheit beanspruchen darf, welchen Schaden sie anrichten kann. So groß ist der Unterschied zwischen den aktuellen „alternativen Fakten“ und den Falschmeldungen in der Antike dabei nicht, wie Pia Buschermöhle weiß. Als Sinon, unter dem trojanischen Pferd stehend, das Gerücht in die Welt setzt, die Griechen hätten sich von Troja zurückgezogen, bereitet er dessen Ende vor. Aber nicht nur den Dichtern, selbst den Geschichtsschreibern gefiel es, Gerüchte in ihre Werke aufzunehmen. Manche haben geradezu eine Schwäche für Gerüchte. Denn Gerüchte sind vor allem interessant und verbreiten sich schnell. Pia Buschermöhle: „Der römische Dichter Vergil hat diesen Vorgang in der Gestalt der Fama dargestellt, die durch die Städte geht und wahre oder erfundene Botschaften verkündet. Fama hat ein furchterregendes Aussehen, mit sehr vielen Augen, Ohren, Mündern und Zungen an ihrem Körper. Auch Famas Größe ist beachtlich, denn das schnell wachsende Ungeheuer steht sowohl mit den Füßen auf dem Boden als auch mit dem Kopf in den Wolken.“

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Ciceros Verbannung

Cicero: Pro Sestio. Klausur

Erat igitur in luctu senatus, squalebat civitas publico consilio veste mutata. Nullum erat Italiae  municipium, nulla colonia, nulla praefectura, nulla Romae societas vectigalium, nullum collegium aut concilium aut omnino aliquod commune consilium, quod tum non honorificentissime de mea salute decrevisset: Cum subito edicunt duo consules, ut ad suum vestitum senatores redirent. Quis umquam consul senatum ipsius decretis parere prohibuit, quis tyrannus miseros lugere vetuit? Parumne est, Piso, ut omittam Gabinium, quod tantum homines fefellisti, ut neglegeres auctoritatem senatus, optimi cuiusque consilia contemneres, rem publicam proderes, consulare nomen affligeres? Etiamne edicere audeas, ne maererent homines meam, suam, rei publicae calamitatem, ne hunc suum dolorem veste significarent?

Vokabelhilfen:

squalere veste mutata: Trauerkleidung tragen.
societas vectigalium: Generalsteuerpächtergesellschaft.
collegium: Amtsgenossenschaft.
concilium: Verein.
edicere: verkünden.
vetare (Perf. vetui): verbieten – Piso und Gabinius, Konsuln im Jahr 58, hatten sich der Rückberufung Ciceros widersetzt.
consulare nomen: Titel des Konsuls.
affligere: beschädigen.

Aufgaben:

  1. Übersetzen Sie den lateinischen Text ins Deutsche.
  2. Gliedern Sie den Text, versehen Sie die Abschnitte mit passenden Überschriften und fassen Sie Ciceros Darstellung seiner Verbannung zusammen.
  3. Der Redner verwendet in diesem Text sehr viele rhetorische Fragen. Stellen Sie diese Fragen zusammen, erläutern Sie ihre Wirkung und beurteilen Sie kritisch die Häufigkeit der Fragen.
  4. Stellen Sie drei weitere auffällige Stilmittel zusammen und erläutern Sie deren beabsichtigte Wirkung.

Erwartungshorizont

1. Aufgabe
Sie übersetzen den Text, z. B.:

Der Senat war also in Trauer, die Bürgerschaft trug auf offiziellen Beschluss Trauerkleidung. Es gab in Italien kein Municipium, keine Kolonie, keine Präfektur, es gab in Rom keine Generalsteuerpächter-gesellschaft, keine Innung, keinen Verein oder überhaupt irgendeine öffentliche Körperschaft, die sich damals nicht in der ehrenvollsten Weise für mein Wohlergehen ausgesprochen hätte: Als plötzlich die beiden Konsuln anordnen, die Senatoren sollten wieder ihre gewohnte Kleidung anlegen. Welcher Konsul hat jemals den Senat daran gehindert, seine eigenen Beschlüsse zu befolgen? Welcher Tyrann verbot den Unglücklichen zu trauern? Ist es nicht genug, Piso – um Gabinius außer Acht zu lassen –, dass du die Leute so sehr getäuscht hast, dass du die Autorität des Senats missachtet hast, dass du die Beschlüsse aller Guten geringgeschätzt hast, dass du den Staat verraten hast und den Titel des Konsuls in den Schmutz gezogen hast? Wagtest du es auch noch anzuordnen, die Leute dürften mein Unglück, das ihrige und das des Staates nicht betrauern, ihren Schmerz durch die Kleidung nicht zum Ausdruck bringen?

2. Aufgabe
Sie gliedern den Text, versehen die Abschnitte mit passenden Überschriften und fassen Ciceros Darstellung seiner Verbannung zusammen, z. B.:

a) Trauer in Senat und Volk über Ciceros Verbannung (Z. 1–4)
b) Verbot von Trauerkleidung im Senat (Z. 4–5)
c) Vorwürfe Ciceros gegenüber Piso (Z. 6–9).

Cicero schildert im Folgenden die Auswirkungen der lex Clodia. Der Senat habe zum Zeichen der Trauer Trauerkleidung angelegt. Das von Clodius mit der Zustimmung Caesars eingebrachte Gesetz war eine lex Ciceroniana. Ziel des rückwirkend geltenden Gesetzes war offenkundig die Ächtung des ehemaligen Konsuls. Die Bestürzung darüber sei nicht nur in Rom, sondern in ganz Italien laut geworden, schildert Cicero. Das Gesetz hatte zwar nicht unmittelbar die Verbannung Ciceros zur Folge, das hätte nur ein Prozess auf dieser Gesetzesgrundlage erwirken können. Cicero aber reagierte, indem er das Senatorengewand ablegte. Um die Demonstrationen und Gegendemonstrationen, die Sympathiebekundungen zugunsten Ciceros zu verhindern, schreiten die zwei amtierenden Konsuln Piso und Gabinius ein und verbieten es den Senatoren, Trauerkleidung zu tragen. Cicero schildert die Hintergründe nicht, sondern beschränkt sich darauf, den plötzlichen Entschluss der Konsuln mitzuteilen. Zuletzt bringt Cicero seine Empörung zum Ausdruck, indem er das Vorgehen mit scharfen Worten geißelt.

3. Aufgabe
Sie stellen die rhetorischen Fragen zusammen, erläutern und beurteilen sie, z. B.:

Mit drei Fragen wird der Ärger über die Konsuln zum Ausdruck gebracht. Der Redner gibt vor, dass ihm ähnliche Fälle wie der seine noch nicht vorgekommen seien: „Quis umquam consul senatum ipsius decretis parere prohibuit, quis tyrannus miseros lugere vetuit?“ (Z. 5–6).

Das Erstaunen ist allerdings vorgetäuscht und die Empörung künstlich auf die Spitze getrieben, da Cicero das, was er den Konsuln anlastet, in der Sache bewusst verkehrt darstellt. Deren Erlass richtet sich nicht – wie könnte er es auch? – gegen die Trauer im Allgemeinen, die bei Ciceros Abschied empfunden worden ist, sondern gegen das Tragen von Trauerkleidung im Senat. Verdrehung der Tatsachen und gekränkte Emphase sind auch bei den folgenden Fragen vorzufinden. Emphase aber nutzt sich ab. Das wäre auch bei der Häufigkeit der Fragen zu bedenken.

4. Aufgabe
Sie stellen drei weitere auffällige Stilmittel zusammen und erläutern deren beabsichtigte Wirkung., z. B.:

Wut und Empörung Ciceros werden durch folgende rhetorische Mittel unterstützt:

• Tautologie der „Trauer“ anzeigenden Ausdrücke zur Darstellung der allgemeinen Sympathie im Senat (Z. 1),
• Gesetz der wachsenden Glieder zur emphatischen Darstellung der in ganz Italien bekundeten Solidarität mit Cicero (Z. 1–4),
• Anaphern mit ähnlicher Wirkung („Nullum […] nulla […] nulla […] nulla […] nullum […]“, Z. 5): Was die Konsuln verordnen, ist in Ciceros Darstellung demnach beispiellos in ganz Italien,
• Alliterationen mit ähnlicher Wirkung („collegium aut concilium aut […] commune consilium“, Z. 3).

Worte und Taten des Philosophen

Illud autem te, mi Lucili, rogo atque hortor, ut philosophiam in praecordia ima demittas et experimentum profectus tui capias non oratione nec scripto, sed animi firmitate, cupiditatum deminutione: verba rebus proba. […] Facere docet philosophia, non dicere, et hoc exigit, ut ad legem suam quisque vivat, ne orationi vita dissentiat vel ipsa inter se vita. Maximum hoc est et officium sapientiae et indicium, ut verbis opera concordent, ut ipse ubique par sibi idemque sit. „Quis hoc praestabit?“ Pauci, aliqui tamen. Est enim difficile; nec hoc dico sapientem uno semper iturum gradu, sed una via.

Seneca: Ep. 20, 1–2

Übersetzung:

Jenes aber erbitte ich inständig von dir, mein Lucilius, dass du die Philosophie tief in dein Herz eindringen lässt und dass du den Beweis deines Fortschritts nicht anstellst durch Rede oder Schrift, sondern durch die Festigkeit deines Charakters, die Verminderung der Leidenschaften: Bestätige deine Worte durch Taten. Handeln lehrt die Philosophie, nicht das Reden, und dazu drängt sie, dass jeder nach seiner Regel lebt, damit nicht das Leben zur Rede im Widerspruch stehe oder das Leben in sich selbst sich widerspreche. Dieses ist die größte Aufgabe der Weisheit und ein Beweis für sie, dass mit den Worten die Taten übereinstimmen, dass man in jeder Lage mit sich selbst gleich und derselbe sei. „Wer wird das leisten?“ Wenige, manche dennoch. Es ist nämlich schwierig. Und nicht das behaupte ich, dass der Weise immer mit dem gleichen Schritt gehen werde, sondern auf dem gleichen Weg.

Analyse:

Der vorliegende Text ist kennzeichnend für das, was die Stoa, vor allem Seneca, unter Philosophie versteht. Aufgabe des Philosophen sei es, die Widersprüche zwischen Taten und Worten aufzuheben. Der Text, der dem zwanzigsten Brief an Lucilius entnommen ist, lässt sich in fünf Abschnitte gliedern.

  1. Der Brief wird mit einer inständigen Bitte eröffnet: Die Philosophie müsse in das tiefste Innere des Schülers gelangen. Philosophie müsse zur inneren Einstellung werden und werde durch Charakterfestigkeit offenbar, nicht durch Rede und Schrift.
  2. Philosophie, macht der Stoiker im nächsten Abschnitt klar, sei auf praktische Ziele ausgerichtet. Die eigene Regel solle jeder dabei erkennen, und die Taten sollten den Worten nicht widersprechen.
  3. Dem Einwand, dass niemand das Ideal erreichen könne, begegnet Seneca, indem er auf die Ausnahmen hinweist. Wenige, doch einige immerhin seien auf dem richtigen Weg.
  4. Es folgen Richtlinien für den philosophischen Lehrling, die im Alltag umgesetzt werden können. Seneca fordert Lucilius auf, bei sich zu prüfen, wie er es mit seiner Kleidung, den Mahlzeiten, dem Bau und der Einrichtung seines Hauses halte. Lucilius solle sich selbst nicht großzügiger als andere behandeln, an einer einheitlichen Regel für sein Leben festhalten.
  5. Abschließend kommt Seneca nicht umhin, auf abschreckende Beispiele falschen Handelns zu verweisen.

Was macht die Aufgabe der Philosophie aus? Für den Stoiker Seneca muss der Philosoph vor allem „einstimmig“ leben. Seneca fasst den zentralen Satz der Stoa – Zenons Formel: ὁμολογουμένως ζῆν – in dem vorliegenden Text in der Anweisung zusammen: „verba rebus proba“. Theorie und Praxis dürften nicht auseinanderklaffen, Worte und Taten des Philosophen müssten einander entsprechen („ad legem suam quisque vivat, verbis opera concordent, ne orationi vita dissentiat vel ipsa inter se vita“. Die Philosophie ist auf Praxis ausgerichtet, auf das richtige Handeln – daran lässt der Philosoph keinen Zweifel aufkommen.

Die folgenden selektiv genannten Redemittel unterstützen den Gedankengang:

a) Hendiadyoin: „rogo atque hortor“
Die Inständigkeit der Bitte wird unterstrichen.

b) Metonymie: „in praecordia ima“
Die Weisheit solle ihren Sitz in den „Eingeweiden“ der Person haben – ein schönes Bild für die existentielle Bedeutung praktisch ausgerichteter Philosophie.

c) Antithese: „non oratione nec scripto“
Worte und Taten sollen nicht auseinanderklaffen.

d) Parallelismus: „animi firmitate, cupiditatum deminutione“
Jedem Anschwellen verführerischer Affekte soll der Schüler mit klarem, festem Urteil begegnen.

e) Gesetz der wachsenden Glieder
Seneca greift immer weiter aus, um die Aufgaben der Philosophie zu beschreiben.

f) Brevitas: „verba rebus proba“
Der prägnant formulierte Appell ist durch den hypotaktisch gebauten Vordersatz vorbereitet worden. Die Anweisung zur „Einstimmigkeit“ wird so zum Zielpunkt.

g) Hyperbaton: „Maximum hoc est et officium sapientiae et indicium“
Betont wird die Wichtigkeit der Aufgabe, das Handeln mit den Worten in Übereinstimmung zu bringen.

h) Ellipse: „Pauci, aliqui tamen“
Das Glück der Wenigen entschädigt für die Mühen, die die Philosophie auferlegt.

i) Hyperbaton: „nec hoc dico sapientem uno semper iturum gradu, sed una via“
Schlägt auch der Fortschritt bisweilen in Rückschritt um, der Weg zum Glück ist grundsätzlich möglich.

Die sauren Trauben

Oder: Wahre Helden machen Fehler

 Annalenas Interpretation (9. Klasse)

Text:

Fame coacta vulpes alta in vinea
uvam appetebat summis saliens viribus.
Quam tangere ut non potuit, discedens ait:
„Nondum matura est; nolo acerbam sumere.“
Qui, facere quae non possunt, verbis elevant,
adscribere hoc debebunt exemplum sibi.

(Phaedrus 4.3)

Übersetzung:

Vom Hunger getrieben, versuchte der Fuchs am hohen Weinstock /
nach der Traube zu gelangen, aus Leibeskräften in die Höhe springend. /
Als er diese nicht erreichen konnte, sagte er im Abgang: /
„Sie ist noch nicht reif; eine saure Traube möchte ich nicht verzehren.“ /
Diejenigen, die das, was sie nicht leisten können, mit Ausreden abschwächen, /
werden sich dieses Beispiel hinter die Ohren schreiben müssen.  

Interpretation:

Schon am ersten Vers merkt man gleich, dass es um den Fuchs („vulpes“, V. 1) geht, da der Ausdruck in der Versmitte steht. Der Fuchs ist der Held dieser Fabel. Allerdings wird er sich nicht als wahrer Held erweisen, wie der Leser am Ende erfährt. Die Traube („uvam“, Tonstelle in V. 2) wird besonders hervorgehoben, sodass das Ziel der Handlung deutlich wird: Der Fuchs möchte an die Traube gelangen. Der Verssprung von V. 1 bis V. 2 verdeutlicht die Entfernung zwischen dem Fuchs und der Traube. Im zweiten Vers findet sich außerdem eine Alliteration: „summis saliens“ (Hyperbaton zwischen „summis“ und „viribus“). So wird hervorgehoben, dass der Sprung nach der Traube nicht einfach ist. Die Fabel enthält eine auffällige Wortwiederholung, nämlich „non potuit“ (V. 3) und „non possunt“ (V. 5). Dies macht deutlich, dass der Fuchs etwas nicht kann, dass er sein Ziel für dieses eine Mal nicht erreicht. Im letzten Vers befindet sich ein Hyperbaton, da „adscribere“ und „sibi“ getrennt voneinander und nicht gemeinsam auftreten. „[S]ibi“ wird so zum Schlusspunkt der Fabel. Das Hyperbaton sorgt dafür, dass der Mittelteil, also „hoc debebunt exemplum“ besonders auffällt, damit der Leser sofort weiß, was er auf sich selbst beziehen muss. Ihm wird auf diese Weise mitgeteilt, dass diese Fabel auf sein eigenes Verhalten zu beziehen ist. Mit anderen Worten: Er soll sein eigenes Verhalten am Beispiel des Fuchses überprüfen. Kann er eigenes Versagen eingestehen, oder wird er wie der Fuchs für einen Fehler immer eine Ausrede finden? Ein wahrer Held wäre zu einem solchen Eingeständnis fähig.

Keine Fabel ohne Fehler, kein Fehler ohne Ausrede hieße im Umkehrschluss: keine Ausrede ohne Fabel.

Interview mit einem Dichter

Der Dramatiker Seneca las aus seinem letzten Akt vor. Die Familie des Kaisers lag im Dunkeln. Manchmal sah man eine Hand, die sich vom Sofa fort bewegte, manchmal Agrippina, in einer Drehung begriffen. Wie schade, dass es kein weiteres Drama mehr geben wird! Wie gerne hätten wir ein neues Stück von dir bewundert! Seneca schien Agrippina zu suchen. Der Kaiser selbst brachte nicht mehr die Kraft auf, die passenden Worte für seine Gefühle zu finden. Schwankend erhob er sich, um die Hand des zaghaft wartenden Sekretärs aus Cordoba zu fassen. Gehen Sie! Dieser begann in der Nacht noch die laudatio poetae, den Lobgesang auf den Dichter Seneca, der aus jeder Blüte Honig saugen kann, für die Öffentlichkeit vorzubereiten.

 
Arbeitsanregungen:

  1. Verfassen Sie für die Hof- und Klatschpresse ein Interview mit dem Dichter Seneca.
  2. Stützen Sie sich dabei auf das im Unterricht ausgeteilte Material über Seneca!

Zusatzaufgabe:

  • Flechten Sie in das Interview möglichst viele lateinische Floskeln ein (s. Arbeitsblatt)!

 

Umgang mit Sklaven

Den Wert des Pferdes nach seinem Zaumzeug bemessen?

Seneca: Epistula 47, 16–17

Text 

Am Schluss seines Briefes (Epistula 47) geht Seneca unter anderem auf die Frage ein, was eigentlich ein „Sklave“ ist.

Quemadmodum (1) stultus est, qui equum empturus (2) non ipsum inspicit, sed stratum eius ac frenos, sic stultissimus est, qui hominem aut ex veste aut ex condicione, quae vestis modo (3) nobis circumdata est, aestimat. „Servus est.“ Sed fortasse liber animo. „Servus est.“ Hoc illi nocebit? Ostende, quis non sit: Alius libidini servit, alius avaritiae, alius ambitioni, omnes spei, omnes timori. Dabo (4) consularem (5) aniculae (6) servientem, dabo ancillulae (7) divitem. […] Nulla servitus turpior est quam voluntaria. Quare non est, quod (8) fastidiosi isti te deterreant (9), quominus servis tuis hilarem te praestes (10) et non superbe superiorem (11): Colant potius te, quam timeant.
 
1) quemadmodum: wie ; 2) empturus: wenn er im Begriff ist, […] zu kaufen; 3)  modō mit Gen.: in der Art von, wie; 4) dare: hier: als Beispiel anführen; 5) cōnsulāris: ehemaliger Konsul; 6) anicula: unbedeutende alte Frau; 7) ancillula: junge Sklavin; 8) nōn est quod mit Konj.: es besteht kein Grund, dass; 9) dēterrēre quōminus: davon abschrecken, dass; 10) sē praestāre mit Akk.: sich erweisen als; 11) superior: überlegen, von oben herab.

 

Übersetzung 

Wie jemand ein Dummkopf ist, welcher, wenn er vorhat, ein Pferd zu kaufen, es nicht selbst begutachtet, sondern seine Decke und seine Zügel, so ist ein sehr großer Dummkopf, welcher einen Menschen entweder nach seiner Kleidung oder seinem Stand beurteilt, der uns doch nach der Art eines Kleidungsstückes umgelegt ist. „Sklave ist er.“ Aber vielleicht frei in seinem Herzen. „Sklave ist er.“ Das wird ihm schaden? Zeig [mir], wer es nicht ist: Einer ist Sklave seiner Sinnlichkeit, ein anderer seiner Habsucht, ein anderer seines Ehrgeizes, alle der Hoffnung, alle der Furcht. Als Beispiel werde ich [dir] einen ehemaligen Konsuln anführen, der einem alten Mütterchen Sklavendienst leistet, ich werde [dir] einen reichen Herrn anführen, der das gegenüber einer jungen Sklavin tut. […] Kein Sklavendienst ist schimpflicher als der aus eigenem Antrieb. Daher besteht kein Grund, dass diese Hochmütigen da dich davon abschrecken, dass du dich deinen Sklaven gegenüber freundlich zeigst und nicht überheblich von oben herab: Verehren sollen sie dich lieber, als dass sie dich fürchten.

 

Zusammenfassung 

Der 47. Brief Senecas behandelt die Frage, ob Lucilius mit seinen Sklaven richtig umgehe. Der vorliegende Text, der diesem Brief entnommen ist, gliedert sich in vier Teile.

  1. (Z. 1–3): Zunächst wird der These, Sklaverei sei etwas Äußerliches, der Vergleich vorausgeschickt, dass jemand vor dem Kauf eines Pferdes nicht das Tier selbst einer Prüfung unterzieht, sondern dessen Decke oder Zügel. Seneca betrachtet dieses Verhalten als einfältig und schließt daran an, dass es deshalb umso einfältiger sei, den Wert eines Menschen an seiner Kleidung oder seinem sozialen Stand zu bemessen. Der soziale Stand sei uns wie ein Kleidungsstück umgeworfen.
  2. (Z. 3–4): Der fictus interlocutor meldet sich zweimal zu Wort: Ein Sklave bleibe ein Sklave. Seneca weist darauf hin, dass ein Sklave zumindest innere Freiheit besitzen könne.
  3. (Z. 4–6): Im Anschluss daran führt Seneca dem Leser verschiedene Formen der Sklaverei beispielhaft vor Augen: Der eine könne seine Begierden nicht zügeln, der andere dagegen fröne seinem Ehrgeiz. Alle würden schließlich beherrscht von ihren Hoffnungen und Befürchtungen.
  4. (Z. 6–8): Und deshalb, folgert Seneca, solle Lucilius von seiner gelassenen Einstellung seinen Sklaven gegenüber nicht absehen. Ehrerbietung vor dem Herrn sei wichtiger als Furcht vor ihm. Darauf, schließt der vorliegende Text, komme es an.

 
Analyse
 
Seneca teilt zunächst den allgemeinen Standpunkt, dass der Sklave mit dem Tier gleichzustellen ist, in gewisser Hinsicht auf einer Linie mit der Frau und dem Kind steht, insofern sie der patria potestas, der „väterlichen Rechtsgewalt“ unterworfen sind. Das Wort „condicio“ (Z. 2) drückt dieses Verhältnis aus: Es geht um die soziale Stellung, die ein Mensch in der Gesellschaft einnimmt. Es ist aber von Bedeutung, darauf hinzuweisen, dass Seneca dabei an die Stellung in der äußeren Welt denkt und dies durch den Vergleich mit der Kleidung auch deutlich macht: „condicio[..], quae vestis modo nobis circumdata est“ (Z. 2–3). Das lateinische Wort „condicio“ bedeutet: „position, state, circumstances (of personal fortune); legal position or status“, OLD (2012) 432.

Seneca sieht Sklaverei als etwas Äußerliches an. Wer Sklave wird, wird es durch Zufall (fortuna) oder Bestimmung (fatum). Daneben findet sich aber die innere Abhängigkeit – Seneca nennt sie in dem vorliegenden Text ausdrücklich: die „servitus voluntaria“ (vgl. Z. 6). Infolgedessen, was die weitere Auslegung des Begriffs betrifft, erscheinen alle Menschen als Sklaven: Niemand ist so frei im Geiste, dass er sich von seinen Ängsten und Hoffnungen befreien könnte. „Ostende, quis non sit: Alius libidini servit, alius avaritiae, alius ambitioni, omnes spei, omnes timori“ (Z. 4–5). Der Philosoph hat also ein derart großes Gefühl für die psychische Welt, dass er auch von einem ehemaligen Konsuln als Sklaven spricht – und ihn dafür verurteilt: „Dabo consularem aniculae servientem […] Nulla servitus turpior est quam voluntaria“ (Z. 5–6). Wir wissen, dass die Ethik und Psychologie der Stoa ihr Augenmerk auf die „innere Sklaverei“ richtet, die durch freiwillige Zustimmung nur verschlimmert werden kann.

Dieser Form der Sklaverei lässt sich nur mit Einsicht und Gelassenheit, nicht mit Hochmut begegnen. Seneca nimmt an, dass Lucilius seine innere Abhängigkeit bereits erkannt hat und darum gelassen und weise gegenüber seinen Sklaven auftritt.