Römisches Haus

Traumempfindung

Von Gerold Paul

Früh zeigt sich dem Kind der römischen Oberschicht bereits, wer welche Aufgaben in der Familie zu übernehmen hat. Wenn der Vater vor die Tür tritt, streckt er seine großen Hände aus den weiten Ärmeln der Toga hervor. Wie eine glänzende Maske aus dem Theater steht er vor dem Kind – und wird beleuchtet und erkannt als Oberhaupt der Familie, als deren Paterfamilias. Das Kind stellt Vergleiche an: Niemand trägt die Toga so wie der Vater, niemand ordnet sie so sorgfältig, auch wenn alle freien Männer in der Familie „Männer der Toga“ sind. Von außen kommt der unaufhörliche Gruß der Klienten, den der Vater je nach Tagesstimmung freudig oder launisch beantwortet; dem Vater kommt offenbar eine wichtige Aufgabe zu. Auch die Unfreien gehören zur Welt des Kindes, so verworren sie auch ist, ohne Kenntnis der Gesetze. In dem griechischen Sklaven erkennen Mädchen wie Jungen ihren Begleiter auf dem Schulweg. Manchmal denkt der Sklave an ein Weiterkommen, findet sich nicht damit ab, Begleiter des Kindes, d. h. Pädagoge zu sein. Für ihn wäre es außerordentlich, Lehrer zu sein oder Sekretär eines gebildeten Herrn.

Die erste Person, an die sich das Kind einer vornehmen Familie erinnert, ist vermutlich die Amme. In den frühesten Nächten spricht sie mit der Seele des Kindes, wenn die finsteren Statuen im Atrium von Dämonen umflattert werden. Es ist fraglich, ob das Kind sich nicht von Einbildungen hat täuschen lassen. Das sind doch Dämonen, da hinten? Ich weiß nur, dass mein Besuch im römischen Haus immer von einer starken Empfindung des Staunens begleitet ist, der dunklen Welt wegen, die ich unter mir fühle.

Schreibe einen Kommentar